Musik in schwierigen Zeiten – Folge 142

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
Robert Schumann lobte unser heutiges Musikstück in den höchsten Tönen, und nachfolgende Komponisten- und Pianistengenerationen gaben ihm recht: Heute dreht sich alles um Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58, das zugleich auch einen Sonderfall in der Musikgeschichte darstellt.
Nicht alle von Beethovens Klavierkonzerten haben solche Nachwirkungen erzielt, wie sein viertes. Gerade die Romantiker wie Schumann, Mendelssohn und Chopin haben sich an diesem Konzert orientiert, das seinerseits schon mit einem Fuß – sprich: mit seiner atmosphärischen Dichte – in der Romantik steht und tatsächlich eine neue Ära in der Gattung Solokonzert einläutet. Immer wieder geht es um das Andante, jener langsame Satz, den Robert Schumann das „groß-geheimnisvolle Adagio“ nannte. Von diesem Andante geht der Zauber des G-Dur-Konzerts aus, das keineswegs zu den populärsten Klavierkonzerten Beethovens zählt, wohl aber zu den folgenreichsten.
Die Entstehungszeit (die Jahre 1805 und 1806, in denen Beethoven an der fünften und sechsten Sinfonie arbeitete) ist eine Zeit äußerer und innerer Entspannung in Beethovens Schaffen. Vorbei war das Ringen um die „Eroica“ und die „Appassionata“, vorherrschend war ein lyrischer Ton, wie er auch in der 4. Sinfonie, im Violinkonzert und in den Streichquartetten op. 59 zu finden ist, die im gleichen Zeitraum entstanden.
In dieser Zeit also schrieb Beethoven den Anfang eines Klavierkonzerts, wie ihn die Welt vorher noch nicht gehört hat: versonnen, zögernd. Das Klavier trumpft nicht auf und betont seine Solistenrolle. Es beginnt stattdessen verhalten ein „Gespräch“ mit dem Orchester – nicht mehr nach dem überlieferten Schwarz-Weiß-Prinzip von Solo und Tutti, sondern wie ein homogenes Gespräch zweiter Stimmen. Wie selbstverständlich wächst der Solopart aus den Orchesterstimmen heraus, und umgekehrt. Diese Form konzertanter Verschmelzung gleicht einer Revolution – und das in seiner Natürlichkeit nahezu unmerklich. Was heute für unsere Ohren so scheinbar selbstverständlich klingt, war seinerzeit noch nicht dagewesen: Nie zuvor in seiner Geschichte hatte ein Klavierkonzert ohne Orchestervorspiel direkt mit einem Solo des Klaviers begonnen.
Drei Konzertmitschnitte möchte ich Ihnen heute vorstellen – der erste fand an einem historischen Datum statt: 11. September 2001, der Tag der Terroranschläge in den USA. Hèlène Grimaud musizierte Beethovens 4. Klavierkonzert an diesem Abend bei den Londoner Proms in der Londoner Royal Albert Hall gemeinsam mit dem Orchestre de Paris unter der Leitung von Christoph Eschenbach:

Am selben Ort gastierte am 8. August 2013 das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Mariss Jansons, Solistin war Mitsuko Uchida:

Ein Benefizkonzert für amnesty international war für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks der Auftakt zu einer langjährigen Zusammenarbeit mit Leonard Bernstein, die bis zu seinem Tod 1990 andauern sollte. Am 17. Oktober 1976 musizierten sie Beethovens Klavierkonzert gemeinsam mit Claudio Arrau im Deutschen Museum in München:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Urlaubsgrüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler