Musik in schwierigen Zeiten – Folge 140

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
zu den „Klassikern“ der amerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts zählt Aaron Copland – zu seinen bekanntesten, aber immer noch eher selten zu hörenden Werken, zählt sein Konzert für Klarinette und Streichorchester mit Harfe und Klavier. Auftraggeber war der „King of Swing“: Benny Goodman.
Die Große Depression war langsam überwunden, die Wirtschaft wieder im Aufschwung, als Ende der 1930er und Anfang der 1940er Jahre in Amerika der Swing seine Blüte erlebte und in allen Bars, Ballrooms und Clubs zu Swing-Musik getanzt und gefeiert wurde. Benny Goodman, Sohn jüdischer Einwanderer aus Chicago, wurde mit seinem Klarinettenspiel einer ihrer berühmtesten Vertreter. Nach seinem legendären Konzert in der Carnegie Hall 1938 wurde der Jazz schlagartig gesellschaftsfähig. Goodman galt neben Artie Shaw als der Jazz-Klarinettist schlechthin und als ausgezeichneter Techniker – und er spielte auch klassische Musik. So wundert es nicht, dass u. a. Béla Bartók, Paul Hindemith und Aaron Copland ihm Werke widmeten oder in seinem Auftrag schrieben.
Das Klarinettenkonzert, das im Jahre 1947 von Benny Goodman in Auftrag gegeben worden war, hat sich als ein Meisterwerk erwiesen, das von dauerhaftem Erfolg gekrönt ist. Es ist zweisätzig in der Folge langsam-schnell, verbunden durch eine Solokadenz. Der lyrische erste Satz ist einer seiner romantischsten Sätze, und er gehört zu den Kompositionen, von denen Copland selbst am meisten hielt: *„Ich glaube, er wird jeden zum Weinen bringen.“* Die Solokadenz ist bis ins Detail auskomponiert, sie bringt Jazzelemente und Anklänge an den zweiten Satz. Dieser ist stilistisch vollkommen gegensätzlich – ein spritziges, bruchstückhaftes, synkopiertes Rondo, in dem, wie Copland sagt, *„unbewusst eine Verschmelzung von Elementen“ *stattgefunden hat, *„die eindeutig mit der Unterhaltungsmusik Nordamerikas und Südamerikas verwandt sind – Charleston-Rhythmus, Boogie-Woogie und brasilianische Volksweisen.“ *Das Konzert endet so, wie Gershwins „Rhapsody in Blue“ beginnt, mit einem effektvollem Klarinettenglissando.
Die Schwierigkeiten in der Solokadenz und im schnellen Satz machten Goodman ernsthaft Sorgen; er sei doch *„nur ein Jazzer“*, sagte er zu Copland, und vielleicht habe er gar nicht die Technik, um das Werk zu bewältigen. Obwohl ihm Copland immer wieder Mut zusprach, zögerte Goodman, und die Aufführung ließ auf sich warten. So kümmerte sich Copland schließlich selbst um eine Aufführung durch das Philadelphia Orchestra, die am 28. November 1950 stattfinden sollte, kurz nachdem Goodmans zweijähriges Exklusivrecht abgelaufen sein würde. Goodman hörte davon und reagierte – am 6. November spielte er selbst die Uraufführung des Konzerts im Rahmen einer Radiosendung, gemeinsam mit dem NBC Symphony Orchestra unter Fritz Reiner. Er sollte das Werk noch einige Male auf Schallplatte einspielen, zweimal unter Coplands Leitung.
26 Jahre nach der Uraufführung musizierten Komponist und Auftraggeber das Werk noch einmal gemeinsam. Sehen Sie hier Benny Goodman und das Los Angeles Philharmonic unter der Leitung von Aaron Copland in einem Konzertmitschnitt aus dem Dorothy Chandler Pavillon im Jahr 1976:

Und noch ein relativ aktueller Mitschnitt mit einem außergewöhnlichen Solisten: Der schwedische Klarinettist Martin Fröst brilliert nicht nur auf seinem Instrument, sondern ist auch als Dirigent und als Entwickler von Musikprojekten tätig, in denen er nicht nur als Klarinettist, sondern auch als Dirigent, Texter und Conférencier auftritt, gelegentlich auch als Schauspieler und Tänzer. Er gilt als musikalischer und medialer Grenzgänger, der im Experiment neue und unvorhergesehene Klangwelten und Darbietungen entstehen lässt. Coplands Klarinettenkonzert spielte er am 16. Januar 2020 mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Paavo Järvi im Wiener Konzerthaus – und auch die mitreißende Zugabe (Klezmer Dance Nr. 3 „Let’s be happy von Göran Fröst) sollten Sie sich nicht entgehen lassen:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler