Musik in schwierigen Zeiten – Folge 139

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
auf den ersten Blick könnte man vermuten, dass in dieser Ausgabe Ballettmusik im Mittelpunkt steht. Doch der Schein trügt: Sergej Rachmaninows letztes Werk, die Sinfonischen Tänze op. 45 aus dem Jahr 1940, sind keine Ballettsuite, sondern ein hauptsächlich sinfonisches Werk, auch wenn das tänzerische Element eine wichtige Rolle spielt.
Sein “letzter Funke”, wie Rachmaninow sein Werk liebevoll nannte, war denn auch ein ganz persönliches Werk: eine Rückschau auf sein eigenes Leben in den Farben romantischer Stimmungsmalerei, wie sie im ursprünglich geplanten Titel „Fantastische Tänze“ zum Ausdruck kommt. Die Untertitel der drei Sätze – Mittag, Abenddämmerung und Nacht – scheinen dagegen nicht nur von der pessimistischen Lebenseinstellung des Komponisten, sondern auch von dem sich verdüsternden Horizont der Epoche inspiriert zu sein. Eine Reihe von musikalischen Zitaten oder zitathaften Anklängen durchzieht das Werk. Durch sie schlägt der erste Tanz die Brücke zurück zu Rachmaninows Jugend: zu der Oper „Der goldene Hahn“ von Rimsky-Korsakow und zu seiner eigenen, bei der Uraufführung durchgefallenen ersten Sinfonie. Der marschartige Hauptteil scheint die Kraft der Jugend zu verkörpern, deren Verlust der Mittelteil in zarter, träumerischer Melancholie beklagt.
Der zweite Satz, im Tempo eines Walzers zu spielen, ist durch seinen stockenden, doppelbödigen Tanzschritt ein Gegenstück zu Maurice Ravels „La valse“. Wie dort wird im Laufe einer großen, von wechselnden Bildern belebten Ballszene das Klischee des Walzers in beklemmender Weise verfremdet und dadurch unwillkürlich zum Nachhall einer verklingenden Epoche. Es scheint, als ob Rachmaninow mit dem Titel Abenddämmerung den Untergang seiner eigenen Zeit beschwor, den er mit dem Zweiten Weltkrieg gekommen sah.
Die Nacht – das letzte Stück – ist die Nacht des Todes, der letzte Satz ist ein Totentanz. Das gregorianische „Dies irae“ – vom Komponisten bereits in der ersten Sinfonie, der „Toteninsel“ und der „Paganini-Rhapsodie“ verwendet – taucht teils im Gewande einer Tarantella, teils als Cantus firmus in fahlem Licht auf. Es wird allmählich bis zur wilden Raserei eines veritablen Totentanzes gesteigert. Mit einem weiteren Selbstzitat, diesmal aus seinem Großen Abend- und Morgenlob, trotzt er der Endlichkeit und stellt ihr die Vision der Ewigkeit entgegen: „Er, der Gott ist und Mensch“, heißt es in der zitierten Vesper, „ward durch Dich zu Fleisch geworden und führt zum Leben zurück die schon dem Leben Entsunkenen.“ „Alliluya“ schrieb Rachmaninow an dieser Stelle in sein Autograph – und am Ende der Partitur: „Dank sei Gott.“ Was war, was wird: Sergej Rachmaninow ließ in den Sinfonischen Tänzen sein Schaffen Revue passieren – und er lieferte mit diesem musikalischen Schlusswort sein Glaubensbekenntnis, sein Gottvertrauen auf den Sieg über den Tod.
Nach der wenig erfolgreichen Uraufführung, die am 3. Januar 1941 unter Leitung von Eugene Ormandy mit dem Philadelphia Orchestra stattfand, blieben Rachmaninow nur noch zwei Jahre, die von Krankheit und Schmerzen überschattet waren. Seine Lebensreise endete wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag, am 28. März 1943, im Exil in Beverly Hills, seinem letzten Wohnsitz. Seine russische Heimat hat er nicht mehr wiedergesehen.
Zwei großartige Aufführungen möchte ich Ihnen heute zunächst empfehlen – zunächst mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Mariss Jansons, die das Werk am 31. Januar 2017 in der Pariser Philharmonie musizierten. Zwei Zugaben sind hier noch enthalten: Franz Schuberts Moment musical Nr. 3 und der (sehr effektvolle!) Schluss aus der Suite des Balletts „Der wunderbare Mandarin“ von Béla Bartók:

Meine zweite Empfehlung: Andris Nelsons mit dem Concertgebouworkest Amsterdam, ein Mitschnitt vom Dezember 2013 (Rachmaninows op. 45 beginnt ab 20:40, zuvor ist mit Claude Debussy „Six épigraphes antiques“ eine echte Rarität zu erleben, das Klavierwerk erklingt hier in der Orchestrierung von Rudolf Escher):

Rachmaninow hat von seinen „Sinfonischen Tänzen“ auch eine Fassung für zwei Klaviere erstellt. Im fernen Amerika führte er das Leben eines anerkannten Großmeisters des Klaviers, der Gäste in sein Haus auf Long Island einlud – gemeinsam mit Vladimir Horowitz spielte er die Uraufführung dieser Fassung in privatem Rahmen. Als Klavierduo sind die Sinfonischen Tänze auch häufiger in unseren Konzertsälen zu erleben, wie hier beim Verbier Festival 2008. Es musizieren Nikolai Lugansky und Boris Berezovsky:

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler