Musik in schwierigen Zeiten-Folge 136

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
der finnische Komponist Jean Sibelius wurde in seiner Heimat als musikalische Identifikationsfigur wahrgenommen. Er galt als Ikone, mit der man international Aufmerksamkeit erregen konnte. 1899/1900 hatte Sibelius mit seiner Tondichtung „Finlandia“ eine Art Nationalhymne geschaffen – eine Hymne für ein Land, das eigentlich noch gar nicht existierte: Finnland blieb bis 1917 Teil des großrussischen Reiches. Spätestens seit „Finlandia“ galt Sibelius als der größte Sohn des Landes, ihm huldigte man mit einem offiziellen Feiertag: Am 8. Dezember 1915 stand anlässlich Sibelius’ 50. Geburtstags die Arbeit im ganzen Land still. Stattdessen wurde ein umfangreiches Konzertprogramm aufgeboten, bei dem unter anderem die Uraufführung seiner fünften Sinfonie auf dem Programm stand – dieses Werk steht in der heutigen Ausgabe des Newsletters im Mittelpunkt.
Trotz öffentlicher Anerkennung und pompöser Feierlichkeiten: Die Entstehung der fünften Sinfonie fällt in eine Zeit, in der auch ein Jean Sibelius mit vielem haderte. Der Erste Weltkrieg hatte bereits seine ganze Härte gezeigt, in Finnland wuchsen die sozialen und politischen Konflikte, und Sibelius selbst hatte noch ganz andere Probleme: „Ich war unsicher, ob ich die fünfte Sinfonie anfangen sollte oder nicht. Überhaupt habe ich viel darunter zu leiden gehabt, dass ich mich darauf versteifte, Sinfonien zu komponieren in einer Zeit, in der so gut wie alle Tonsetzer zu anderen Ausdrucksformen übergegangen waren. Vielen Kritikern und Dirigenten ist mein Eigensinn ein Dorn im Auge gewesen, und eigentlich erst in den letzten Jahren haben die Meinungen sich geändert“, schrieb er rückblickend im Jahr 1935. Ganz frei vom Streben nach anderen Ausdrucksformen war indes auch Sibelius nicht – davon zeugt der sich über fünf Jahre hinziehende Entstehungsprozess. Und auch nach der triumphalen Premiere blieb Sibelius kritisch – seine fünfte Sinfonie arbeitete er mehrfach um.
Die vielleicht auffälligste Veränderung: Erster und zweiter Satz verschmelzen in der finalen Fassung zu einem einzigen Komplex. Die beiden einstmals getrennten Sätze verband Sibelius so miteinander, dass man eine erweiterte Sonatenhauptsatzform aus dem neu gewonnenen Gebilde herauslesen könnte; der ursprüngliche zweite Satz mit Scherzo-Charakter wurde zur variierten Reprise. Hier zeigt sich, wie sehr Sibelius der Tradition des späten 19. Jahrhunderts verhaftet war, die sich intensiv mit den Möglichkeiten der Verklammerung musikalischen Materials in einer an sich mehrsätzigen Form auseinandergesetzt hatte. Den neuen Komplex aus zwei miteinander verschmolzenen Sätzen bekräftigte Sibelius noch, indem er ihm einen gewaltigen Finalteil verpasste, so wie er eigentlich auch am Ende der gesamten Sinfonie denkbar gewesen wäre. Mehr Steigerung war kaum mehr möglich – was eine neue Lösung für das tatsächliche Finale erforderte. Sibelius schuf sie auf wirkungsvolle Weise: Fünf harte Schläge im Sforzato, jeweils durch Pausen voneinander getrennt, bereiten den Schlussakkord vor – fünf Schläge sinnbildlich für fünf vollendete Sinfonien? Oder für fünf vollendete Lebensjahrzehnte? Die merkwürdige Schlusswendung bringt jedenfalls einen nicht minder außergewöhnlichen Finalsatz zu Ende.
Sibelius verarbeitete hier, wie er selbst bekannte, „eines der größten Erlebnisse meines Lebens“: Im April 1915 hatte er sechzehn Schwäne über sich kreisen gesehen, bis sie schließlich „in der verschleierten Sonne wie ein glitzerndes Silberband“ verschwanden. Ihre Rufe hatten denselben Holzbläserklang wie die der Kraniche, aber ohne Tremolo“, schrieb er in seinem Tagebuch. „Das Mysterium der Natur, die Melancholie des Lebens! Das Finalthema der fünften Sinfonie!“ Und so gipfelt das Werk in einer triumphalen Hymne – „eine, wenn ich so sagen darf, vitale Steigerung zum Schluss hin. Jubelnd.“
Schon seit vielen Jahren zählt der schwedische Komponist und Dirigent Esa Pekka-Salonen zu den herausragenden Sibelius-Interpreten. Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks führte er Sibelius‘ 5. Sinfonie am 16. Januar 2015 im Herkulessaal der Münchner Residenz auf:
https://www.youtube.com/watch?v=gJc0R9eibbI

Zu den prominentesten Fürsprechen Sibelius‘ zählte auch Leonard Bernstein. Mit dem New York Philharmonic nahm er bereits in den Sechziger Jahren die erste Stereo-Gesamteinspielung der Sinfonien vor, lediglich zwei Monoaufnahmen existierten davor. Immer wieder setzte er später auch als Gastdirigent Werke von Sibelius auf das Programm. Im September 1987 dirigierte er die die 5. Sinfonie mit den Wiener Philharmonikern im Wiener Konzerthaus:

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen
Matthias Wengler