Musik in schwierigen Zeiten-Folge 134

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
seit Jahrhunderten ist er eine der berühmtesten Figuren unser Region: Till Eulenspiegel, der Schelm aus dem Braunschweiger Land. Die Marktfrauen ärgerten sich, der Bäcker schäumte vor Wut, und die Gelehrten waren mehr als einmal verwundert – die Herzen aber schlagen für Till Eulenspiegel, den unsterblichen Spaßmacher. Seine Geschichten und Streiche spielten überwiegend in dieser Region, aber auch die Bürger von Berlin, Ulm, Nürnberg, Rom und Prag waren seinen Taten ausgeliefert. Geboren sein soll er um das Jahr 1300 in Kneitlingen am Elm. Seine letzte Ruhe fand er hingegen 1350 in Mölln.
Till Eulenspiegel ist längst auf der ganzen Welt bekannt. Dazu hat ein Stück weit auch der Komponist Richard Strauss beigetragen, der Episoden seines Lebens für großes Orchester vertont und ein musikalisches Meisterwerk geschaffen hat. „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ ist wahrscheinlich die einzige selbsterklärende sinfonische Dichtung der gesamten Orchesterliteratur: Ein frecher, respektloser Geniestreich, der sich kompromisslos der lebensechten Erzählung von Tills Taten widmet. Franz Wüllner, der das Stück am 5. November 1895 in Köln uraufführte, bat Strauss schriftlich um ein Programm und erhielt via Telegramm die Antwort: „analyse mir unmöglich, aller witz in toenen ausgegeben.“ So einfach war das.
Und Strauss, der sich später dann doch schriftlich zum Inhalt seiner Komposition äußerte, setzte tatsächlich ganz allein auf die Erzählkunst des Orchesters. Der Klangapparat ist beträchtlich aufgestockt und von leisestem Kichern bis hin zu zornigem Gebrüll fähig. Mit dieser instrumentalen Riesenpalette ausgestattet, macht sich Strauss an die bildhafte, mitunter handgreifliche Darstellung seines Antihelden.
Selten hat ein Komponist seinen Protagonisten so liebenswürdig vorgestellt, wie es hier mit dem weltberühmten „Es war einmal…“-Thema der Fall ist. Noch während der ersten Töne der bekannten Melodie sieht man vor dem geistigen Auge, wie das Märchenbuch aufgeschlagen wird und sich der Geschichtenerzähler Strauss die Lesebrille zurechtrückt. Aber wie komponiert man einen Schelm? Indem man das Till-Thema so anlegt, dass die Hörer das Metrum und damit den rhythmischen Boden unter den Füßen verlieren: die ausgehaltene Note am Ende der ansteigenden Hornmelodie verschiebt bei jeder Wiederholung des Themas den Schwerpunkt des Taktes. So einfach, so genial. In dieser Weise verfährt Strauss mit dem Thema weiter, das uns immer wieder in gestraffter Form als Tills Gelächter (häufig von der Klarinette gespielt) begegnet und gleichzeitig auch den Formansprüchen des Rondos genügt.
Eine sehr pointierte Kritik schrieb Claude Debussy für die „Revue blanche“ nach einer Aufführung in Paris: „Dieses Stück gleicht einer Stunde neuer Musik bei den Verrückten: Die Klarinetten vollführen wahnsinnige Sturzflüge, die Trompeten sind immer verstopft, und die Hörner, ihrem ständigen Niesreiz zuvorkommend, beeilen sich, ihnen artig „Wohl bekomm’s!“ zuzurufen; eine große Trommel scheint mit ihrem Bum-Bum den Auftritt von Clowns zu unterstreichen. Man hat gute Lust, lauthals rauszulachen oder todtraurig loszuheulen, und man wundert sich, dass noch alles an seinem gewohnten Platz ist, denn es wäre gar nicht so verwunderlich, wenn die Kontrabässe auf ihren Bögen bliesen, die Posaunen ihre Schalltrichter mit imaginären Bögenstrichen und Herr Nikisch (der Dirigent der Aufführung) sich auf den Knien der Platzanweiserin niederließe. Das alles sagt nichts dagegen, dass das Stück geniale Züge besitzt, vor allem eine außerordentliche Sicherheit in der Orchesterbehandlung und eine unbändige Bewegung, die uns von Anfang bis Ende mitreißt und zwingt, alle Streiche des Helden mitzuerleben. Nikisch hat ihre tumultöse Abfolge mit bewundernswerter Kaltblütigkeit dirigiert, und der Beifall, der ihm und seinem Orchester entgegen brandete, war in höchstem Maße berechtigt.“

Ein historisches Dokument kann ich Ihnen heute für „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ ankündigen: Vorgänger von Herbert von Karajan als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker war bis zu seinem Tod im Jahr 1954 Wilhelm Furtwängler. Nur wenige Bildaufzeichnungen existieren von diesem charismatischen Dirigenten, dessen unentschlossener, ungenauer Schlag bis heute sein Markenzeichen und in vielen Anekdoten überliefert ist. Sehen Sie hier einen Konzertmitschnitt aus dem Berliner Titania-Palast aus dem Jahr 1950 (die alte Philharmonie wurde 1944 während des Zweiten Weltkriegs zerstört, das heutige Bauwerk wurde erst im Jahr 1963 eingeweiht):

https://www.youtube.com/watch?v=m1XGgF6xVqc

Mehrfach habe ich das Chicago Symphony Orchestra und dem damaligen Chefdirigenten Daniel Barenboim mit diesem Stück live erleben dürfen – es gilt noch immer als das Orchester mit dem schärfsten Blech weltweit. Barenboims langjähriger Vorgänger als Chefdirigent war Sir Georg Solti, der dieses Werk 1977 in der Orchestra Hall des Symphony Centers dirigierte:

https://www.youtube.com/watch?v=lXP7tNNrPww

Und zum Schluss noch ein Mitschnitt aus Hamburg: Christoph von Dohnányi dirigierte Strauss‘ Tondichtung am 14. Juni 2008 in der Hamburger Laeiszhalle, es spielt das  NDR Elbphilharmonie Orchester:

https://www.youtube.com/watch?v=EMcQQFWAnA0

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler