Musik in schwierigen Zeiten-Folge 123

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
noch globaler geht es kaum: Ein russischer Komponist komponiert ein spanisches Werk, und ein deutsches Orchester wird dabei von einem indischen Dirigenten geleitet. Heute erwartet Sie Nikolai Rimski-Korsakows Capriccio espagnol op. 34, es spielen die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Zubin Mehta.
Nikolai Rimski-Korsakow war ein Meister des Orchesterklangs. „Zauberer“ nannten manche Nachfolger den Russen. In seinem Capriccio espagnol ist es die von reichlich Schlagwerk geprägte Instrumentation, die viele Kritiker begeisterte – auch wenn sich der Komponist selbst gegen deren Meinung wehrte, diese sei schönes Gewand: Rimski-Korsakow legte Wert darauf, dass die Instrumente immer genau für die „treffend ausgewählten melodischen Wendungen und Verzierungen“ eingesetzt werden. In seiner Autobiografie schreibt er selbstgewiss: „Die spanischen Themen mit ihrem tänzerischen Charakter lieferten mir eine Fülle von Material zur Einbindung in vielfältige Orchestereffekte. Insgesamt ist das Capriccio zweifellos ein völlig äußerliches Stück, doch nichtsdestoweniger höchst lebhaft und brillant.“

1887 wurde das gut eine Viertelstunde lange Werk in St. Petersburg uraufgeführt. Das Datum ist bemerkenswert, da Teile der Komposition an Ravel erinnern – der bekanntlich ebenfalls ein Faible für spanische Rhythmen hatte, seine Rapsodie espagnole oder seinen Boléro aber erst deutlich nach der Jahrhundertwende schrieb. In seinem Capriccio lässt Rimski-Korsakow immer wieder dieselben Motive dominieren – sie tauchen gleich im ersten Satz „Alborada“ auf. Dieser folkloristische Sonnenaufgangs-Tanz aus Nordspanien reißt mit seiner Ausgelassenheit mit, tritt im dritten Satz nahezu identisch wieder auf und markiert auch das Ende des fünften Satzes. Doch es wird nicht eintönig; Rimski-Korsakow arbeitet eben mit unterschiedlichen Instrumentierungen und streut beispielsweise als zweiten Satz eine Variationenfolge ein: Eine Hornmelodie wird von verschiedenen Instrumenten nacheinander aufgegriffen. Eindrücklich ist auch der vierte Satz „Szene und Zigeunerlied“, in dem sich nacheinander Hörner und Trompeten, Solo-Violine, Flöte, Klarinette und Harfe vorstellen. Die gewissermaßen spanische Spielanweisung „quasi guitara“ bedeutet für Geigen und Celli hier, dass sie einen Gitarrenklang nachahmen müssen.

Rimsky-Korsakows eindrucksvolles, jedoch auch überaus anspruchsvolle Tongemälde des Landes am Mittelmeer riss nicht nur bereits das Publikum bei der Premiere 1887 buchstäblich aus den Sitzen, auch die Zuschauer beim alljährlichen Waldbühnenkonzert der Berliner Philharmoniker waren am 29. Juni 1997 begeistert. Und wenn Sie dieses Stück hören und sehen, werden Sie bestimmt ganz schnell die zur Zeit winterlichen Temperaturen vergessen:

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler