Musik in schwierigen Zeiten-Folge 122

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute sind Ihre Schlagerkenntnisse gefragt – wer erinnert sich noch an diesen Titel?
Rund 20 Jahre später habe ich diesen Titel in Peter Tschaikowskys Capriccio italien op. 45 entdeckt, das 1880 entstand und zweifellos eine der berühmtesten Musik-Postkarten der Geschichte darstellt.
Tschaikowsky hatte die Arbeit an diesem Werk in Rom begonnen, wo er den Winter 1879/80 mit seinem Bruder Modest und dessen jungem Schüler Kolja verbrachte. Das Stück war ursprünglich als italienische Suite über Volksmelodien geplant, wobei Glinkas spanische Fantasien teilweise als Modell dienten. Es beginnt wie der o. g. Schlager mit einer Signalfanfare, die Tschaikowsky nach eigenen Angaben regelmäßig aus einer nahegelegenen Kaserne hörte. In den Streichern erklingt eine etwas pathetisch anmutende, langsame Melodie, die von grollenden Bläserakkorden begleitet wird. Rasch entwickelt sich das Geschehen zu einem ersten Höhepunkt – immer noch lässt uns der Komponist im Glauben, es handle sich um etwas sehr Ernstes. Erst jetzt blitzen zwei Oboen mit dem italienischen Gassenhauer „Babbo non vuole, mamma nemmeno, come faremo a fare all’amor“ hervor. „Das Mädchen mit den blonden Zöpfen“ (so in der Übersetzung, in Freddy Brecks Schlager war es schlicht „Bianca“) war eine damals ungeheuer populäre Melodie, die Tschaikowsky lustvoll in sein Capriccio packte und damit der sangesfreudigen Lebenslust der Italiener seine Reverenz erwies. Die Melodie ist unschuldig und ausgelassen – ein idealer Ausgangspunkt für kompositorische Spielereien, die in einem Capriccio perfekt aufgehoben sind. Tschaikowsky versteht es meisterhaft wie kein Zweiter, zwischen augenzwinkerndem Ernst und jubelnder Freude zu changieren und führt das Capriccio nach einer Reihe vergnüglicher Ausflüge, darunter auch die als „Ciccuzza“ bekannte neapolitanische Tarantella,  zu einem fulminanten Abschluss in den „Heimathafen“ zurück.
Am 6. Dezember 1880 wurde das Capriccio italien in Moskau unter der Leitung von Nikolai Rubinstein, dem Direktor des Moskauer Konservatoriums, mit großem Erfolg uraufgeführt und hat sich seither einen verdienten Platz in den Konzertprogrammen bewahrt.
Der Zufall will es, dass das Orchester, das heute für Sie musizieren wird, gerade gestern für positive Schlagzeilen gesorgt hat: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hat gestern den Nachfolger für den 2019 verstorbenen Chefdirigenten Mariss Jansons bekannt gegeben: Ab der Saison 2023/24 wird Sir Simon Rattle den Posten übernehmen – was für eine schöne Nachricht für die Musikwelt.
Am 6. Juli 2014 spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Mariss Jansons im Rahmen der Münchner „Klassik am Odeonsplatz“-Konzerte auch Tschaikowskys Capriccio italien, das hier zu sehen ist:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler