Musik in schwierigen Zeiten-Folge 118

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Kirchenmusik,
für die letzte Ausgabe dieses Newsletters in diesem Jahr kann es am Silvestertag nur ein Stück geben: Das Pendant zu „Dinner for One“ im Fernsehen ist Johann Strauß’ Operette „Die Fledermaus“ auf der Bühne: Ein Klassiker zu Silvester! Strauß’ mit Wortwitz und grandiosen Melodien gespickte Partitur, die der champagnerfreudigen High Society den Spiegel vorhält, gilt nicht ohne Grund als Höhepunkt der Goldenen Operettenära. Bis heute ist „Die Fledermaus“ die einzige Vertreterin ihrer Gattung, die an der altehrwürdigen Wiener Staatsoper aufgeführt wird.

Zur Handlung: Gabriel von Eisenstein muss wegen Beamtenbeleidigung ein paar Tage ins Gefängnis. Sein Freund, der Notar Dr. Falke, überredet ihn, sich davor noch einmal ordentlich zu amüsieren – auf dem Ball des Prinzen Orlowsky. Doch eigentlich plant Dr. Falke nur seine Rache: Denn Eisenstein ließ ihn vor vielen Jahren nach einem Maskenball im Kostüm einer Fledermaus betrunken nach Hause irren, und machte ihn damit zum Gespött der Stadt. Nun soll er dafür büßen: Dr. Falke lädt Eisenstein, dessen Frau Rosalinde und ihre Zofe Adele zum Ball. Da alle verkleidet sind und Eisenstein die maskierten Gäste nicht erkennt, flirtet er wild drauf los und blamiert er sich der Reihe nach bei allen Anwesenden. Doch auch die anderen Gäste haben ihre Laster: Auf dem Ball gerät alles durcheinander, man verbrüdert sich, ein jeder gibt vor, ein anderer zu sein. Strauß‘ Operette endet am Neujahrsmorgen nach turbulenten Verwicklungen im Gefängnis: Schuld an allem war nur der Champagner…

Doch bei allem oberflächlichen Spaß: Die Komposition der Operette fällt in eine Epoche, die geprägt ist von einer starken gesellschaftlichen Spannung. Nach dem großen Börsenkrach von 1873 gerät die alte Ordnung in der kaiserlich-königlichen Residenzstadt Wien ins Wanken. Die Arbeiterbewegung erstarkt, das Individuum gewinnt an Bedeutung. Die Musik, auch die »klassische«, verabschiedet sich vom Adel und sucht den Kontakt zum Bürgertum. Strauß wusste, was zu tun war. Er komponierte Musik, die für jeden zugänglich ist, und die zugleich zu Herzen geht. Getreu dem Motto „Gut ist, was ankommt“ schrieb er klare, eingängige Melodien und schmissige Rhythmen, sein Walzer „An der schönen blauen Donau“ machte ihn als „Walzerkönig“ auf der ganzen Welt bekannt. Mit Ende 40 wagte Strauß dann noch einmal etwas Neues und komponierte seine ersten „komischen Opern“, wie er die Operetten selbst nannte. Die 1874 aufgeführte „Fledermaus“ war ein voller Erfolg und ist bis heute sein vielleicht berühmtestes Werk.

Regelrechten Kultstatus genießt neben der Musik die Sprechrolle des Gerichtsdieners „Frosch“, der zu Beginn des dritten Aktes – natürlich gut angeheitert – die Bühne betritt und dem Gefängnisdirektor Frank berichten soll, was in der Zwischenzeit so alles vorgefallen ist. Dieser nutzt den Bericht jedoch für eine mehr oder weniger improvisierte Persiflage, die Bezug auf reale aktuelle und örtliche Ereignisse nimmt. Ursprünglich als Minirolle angelegt, bekam der „Frosch“ im Laufe der Jahre immer mehr Gewicht und wird heute oft von namhaften Schauspielern und Kabarettisten verkörpert, die Liste reicht von Hans Moser über Heinz Rühmann bis hin zu Gerhard Polt.

Wenn „Die Fledermaus“ am Silvestertag auf dem Spielplan steht, laufen die Opernhäuser oftmals zur Höchstform auf: Der zweite Akt, der beim Ball des Prinzen Orlofsky spielt, bietet genügend Möglichkeiten für diverse Einlagen von Ensemblemitgliedern oder Stargästen. Eine besondere Aufführung möchte ich Ihnen heute zunächst aus dem Londoner Royal Opera House Covent Garden empfehlen. In der Vorstellung vom 31. Dezember 1983, die in den Dialogen mühelos zwischen vier verschiedenen Sprachen hin und her wechselt, sind in den Hauptrollen Kiri Te Kanawa (Rosalinde), Hildegard Heichele (Adele), Doris Soffel (Prinz Orlowsky), Hermann Prey (Gabriel von Eisenstein), Benjamin Luxon (Dr. Falke) und der unvergessene Josef Meinrad (Frosch) zu sehen, das Royal Opera House Covent Garden Orchestra wird von Placido Domingo dirigiert – und als besonderer Stargast tritt sogar Charles Aznavour auf.

Bereits sechs Jahre zuvor waren die Kameras bei der Silvestervorstellung in London dabei; das Ensemble war nahezu identisch. Damals dirigierte Zubin Mehta, der im 2. Akt zwei sehr enge Freunde auf der Bühne wiedertraf: Isaac Stern spielt den 3. Satz aus Mendelssohns Violinkonzert e-Moll op. 64 spielte, und Daniel Barenboim, der mit Chopins Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23 auftrat – zwei Stücke, die ich Ihnen erst vor wenigen Wochen vorgestellt habe.
Eine weitere, längst schon legendäre Inszenierung von Otto Schenk möchte ich Ihnen noch empfehlen: Am Silvesterabend 1987 war der Star des Abends in der Bayerischen Staatsoper München zweifellos der Dirigent Carlos Kleiber. In den Hauptrollen sind Pamela Coburn (Rosalinde), Janet Perry (Adele), Brigitte Fassbaender (Prinz Orlowsky), Eberhard Wächter (Gabriel von Eisenstein) Wolfgang Brendel (Dr. Falke) und Franz Muxeneder (Frosch) zu sehen.
Ihnen und Euch allen wünsche ich einen guten Start ins neue Jahr 2021, Gesundheit, Erfolg und hoffentlich bald auch wieder persönliche Begegnungen im größeren Kreis – und dann gerne auch mit guter Musik!
Matthias Wengler