Musik in schwierigen Zeiten-Folge 116

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute, am Heiligen Abend 2020, bleibe ich bei einer ganz konventionellen Musikempfehlung: Die passendste Musik zum Weihnachtsfest ist auch in diesem besonderen Jahr für mich nichts anderes als das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach.
In den zurückliegenden Jahrzehnten habe ich in der Regel am Heiligen Abend vier Gottesdienste gespielt – drei vom Nachmittag bis zum frühen Abend und noch einen Spätgottesdienst in der Nacht. Seit meiner Zeit in Königslutter ist der dritte Gottesdienst mit der Propsteikantorei in der Stadtkirche für mich der eigentliche Höhepunkt des Tages. Das Singen von Chören und Chorälen aus Bachs Weihnachtsoratorium im Wechsel zur Weihnachtsgeschichte wird mir in diesem Jahr besonders fehlen, ebenso die Enge auf der Orgelempore und die gegenseitigen Weihnachtsgrüße nach dem Gottesdienst, die nicht selten mit fröhlichen Umarmungen und Dank für ein erfülltes, zurückliegendes Chorjahr verbunden waren.
Vielleicht haben Sie sich manchmal gefragt, wie ein Kirchenmusiker den Heiligen Abend verbringt, wenn er nicht gerade im gefühlten Dauereinsatz auf der Orgelbank sitzt. In meinem Fall ist es in der Regel so: In der kurzen Pause, die mir bleibt, fahre ich gerne nachhause, esse eine Kleinigkeit und ruhe mich für eine knappe Stunde aus, bevor es dann schon wieder zurück geht, um rechtzeitig für eine kurze Probe zum Spätgottesdienst in Königslutter zu sein. In dieser Zeit begleitet mich aber selbst dann auch noch Musik (Berufskrankheit?): Eine besondere Aufführung des Weihnachtsoratoriums, die ich Ihnen heute bequem ins Haus liefern kann.
1999 bildete Bachs Meisterwerk in der Weimarer Herderkirche, die berühmt für ihren Cranach-Altar ist, den Auftakt zu einem musikalischen Großprojekt: Zum 250. Todestag von Johann Sebastian Bach verwirklichte Sir John Eliot Gardiner mit seinem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists im Jahr 2000 das ehrgeizige Projekt der Bach Cantata Pilgrimage, bei dem die meisten der 198 Kirchenkantaten Bachs in mehr als 60 europäischen Kirchen (darunter auch der Braunschweiger Dom), aufgeführt wurden. Das letzte Konzert fand am 31. Dezember 2000 in der Kirche St. Bartholomew in New York statt.

Sollte wirklich jemandem Bachs Weihnachtsoratorium noch nicht vertraut sein, folgen hier noch ein paar einleitende Sätze: Es besteht aus einem Kantaten-Zyklus, dessen sechs Teile an den damals drei Weihnachtsfeiertagen, dem Neujahrsfest, dem Sonntag nach Neujahr und dem Epiphaniasfest aufgeführt wurden. Durch seine Bildungsreise in den Norden ist Bach schon 1705 mit ähnlich groß angelegten musikalischen Formen in Berührung gekommen. Für die Weihnachtsfeierlichkeiten der Leipziger Hauptkirchen St. Nicolai und St. Thomae zur Jahreswende 1734/35 komponierte er nun selbst eine solche Großform.

Insgesamt versprühen die sechs Kantaten eine anhaltende Jubelstimmung, ein Umstand, der möglicherweise auch dem weltlichen Ursprung einzelner, beinhalteter Stücke geschuldet ist. Bach komponierte nämlich nicht das gesamte Material für sein Weihnachtsoratorium neu. Ein Großteil der Arien und nicht-choralgebundenen Chöre entstammt zwei Huldigungskantaten für das sächsische Herrscherhaus, die schon 1733 entstanden sind und ihrerseits wiederum auf früheres Material zurückgreifen. Bach übernimmt die Musik, arbeitet sie leicht um und unterlegt sie mit einem neuen Text. Aus „Tönet ihr Pauken, erschallet Trompeten“ (BWV 214) wird „Jauchzet, frohlocket“, der imposante Eingangschor des Oratoriums, bei dem noch immer zuerst die Pauken, dann die Trompeten einsetzen. Parodie nennt man dieses Verfahren, das der gängigen Praxis des Barockzeitalters entsprach.

Nur einmal wurde das Weihnachtsoratorium zu Bachs Lebzeiten aufgeführt. Die erste Wiederaufführung durch die Berliner Singakademie erfolgte erst im Jahr 1857 und fand zunächst nur zögerliche Verbreitung. Langsam konnte das Werk schließlich seinen Siegeszug antreten, heute wird es selten auf verschiedene Feiertage verteilt aufgeführt, viel häufiger finden Teilaufführungen der Kantaten I-III und IV-VI statt.

Hier nun aber die angekündigte Aufführung aus der Weimarer Herderkirche, es singen und musizieren Claron McFadden (Sopran), Bernarda Fink (Alt), Christoph Genz (Tenor), Dietrich Henschel (Bass) ,der Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner:
Zum Start der Bach Cantata Pilgrimage gibt es einen sehr sehenswerten Film, der hier abrufbar ist:
Dieses Weihnachtsfest wird für viele anders stattfinden als in den vergangenen Jahren. Für mich wird es die wohl stillste Heilige Nacht meines bisherigen Berufslebens werden; bis auf unseren Marktplatz-Gottesdienst sind alle weiteren Gottesdienste in Königslutter bis zum 10. Januar abgesagt. Falls Sie heute dennoch einen Gottesdienst aus Königslutter erleben möchten: Wir haben eine Reihe von digitalen Angeboten vorbereitet, u. a. auch eine Christvesper mit Pröpstin Martina Helmer-Pham Xuan, Antje Siefert (Mezzosopran) und mir. Ab 14:00 Uhr ist alles abrufbar unter youtube.propstei-koenigslutter.de – seien Sie auch hierzu herzlich eingeladen!
Ihnen allen wünsche ich ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest! Bleiben Sie gesund und behütet, und seien Sie herzlich gegrüßt aus Braunschweig
Matthias Wengler