Musik in schwierigen Zeiten-Folge 111

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
das Jahresende rückt immer näher, und wir sind längst mittendrin in einer ganzen Reihe von Rück- und Ausblicken auf vergangene und zukünftige Zeiten. Daher soll heute ein Stück im Mittelpunkt stehen, das zu den zeitlosen Klassik-Rennern zählt und wohl niemals unpopulär werden wird: „Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi.
Über die Eigenschaften der Jahreszeiten hat sich Antonio Vivaldi seine eigenen musikalischen Gedanken gemacht und sie in vier Violinkonzerten zusammengefasst.
Es zieht kaum ein Sommer ins Land, ohne dass er eine Neuaufnahme von Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ mit sich bringt. Nur wenige große Geiger machen einen Bogen um diese Konzertsammlung, aber auch andere Instrumentalisten nehmen sich die Jahreszeiten gerne vor. Die Vielfalt reicht von Bearbeitungen für Klavier über Mundharmonika bis zu Saxophonquartett und Zither. Diese Konzerte lösen nach wie vor einen Sturm der Begeisterung aus, egal ob man im ersten, zweiten oder dritten Frühling steckt.
1725 veröffentlichte Vivaldi eine Sammlung aus zwölf Violinkonzerten unter dem Titel „Il cimento dell’armonia e dell’invenzione“ op. 8 (Das Wagnis von Harmonie und Erfindung), zu der auch die Jahreszeiten gehören – Harmonie und Intervention befinden sich innerhalb dieser Konzerte im Wettstreit. Vivaldi schrieb seine Jahreszeiten nach Sonetten, die er wahrscheinlich selbst verfasst hat: Sonette, in denen sich der Komponist einen Reim machte auf haarkleine Details typischer Naturerscheinungen in Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Vivaldi nutzte also Programmatik als Gestaltungsmittel für die vier Violinkonzerte. Zur Barockzeit waren konkrete Inhalte eigentlich der Oper vorbehalten und im Konzert eine Neuheit! Süßes Gemurmel eines Bächleins hört man, Blitz und Donner, schlafende Hirten, surrende Fliegen, säuselnden Wind, fliehendes Wild – der Fantasie sind bei dieser Musik keine Grenzen gesetzt.

Antonio Vivaldi hat die Konzerte dem böhmischen Grafen Wenzeslav von Morzin gewidmet. Bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts waren sie ein internationaler Hit. Doch dann fielen diese vier Konzerte, wie überhaupt das ganze Oeuvre Vivaldis, in einen bleiernen Dornröschenschlaf aus dem sie erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts langsam, aber mit Vehemenz erwachten. Heutzutage sind die „Vier Jahreszeiten“ aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Warum? Für die niederländische Geigerin Janine Jansen ist das klar: „Weil das ein gutes Stück ist!“

Janine Jansen eröffnet heute auch die Auswahl einiger Konzertmitschnitte – hier ist sie mit der Amsterdam Sinfonietta beim Internationalen Kammermusikfestival 2014 in Utrecht zu sehen:

Anne-Sophie Mutter gastierte mit ihrem Mutter Virtuosi Ensemble am 19. November 2014 in der New Yorker Carnegie Hall:

https://www.youtube.com/watch?v=9eEap53WxKY

Wenn Sie vergleichen wollen, wie sehr sich Anne-Sophie Mutters Werkauffassung zu Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ geändert hat, dem sei der folgende Ausschnitt empfohlen. Am 28. Oktober 1987 wurde nach jahrzehntelangem Hin und Her endlich der Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie eröffnet. Das Eröffnungskonzert bestritten die Anne-Sophie Mutter und die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan, der „Winter“ ist im folgenden Ausschnitt zu sehen:

Und zum Schluss noch ein Hinweis auf eine legendäre Aufnahme, die 1989 erschien und zu den bestverkauften Klassikalben zählt – nicht nur die Einspielung galt als frech, sondern auch der Solist: Nigel Kennedy, der sein Image als „Klassik-Punk“ bis heute nicht losgeworden ist. Hier ist er in einem BBC-Fernsehkonzert (1990) mit dem English Chamber Orchestra mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten zu erleben:
Ihnen allen ein schönes Adventswochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler