Musik in schwierigen Zeiten-Folge 108

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
zu den Werken, auf die ich in meinem Leben nicht verzichten könnte, gehört Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“, der mich schon seit vielen Jahren durchs Leben begleitet. Generationen von Liedsängern haben sich bereits mit diesem Werk auseinandergesetzt, und ich selbst werde nicht müde, mir immer wieder neue Aufnahmen anzuhören oder Konzerte zu besuchen – als Interpret wird man mit diesem Werk wohl niemals fertig.
Als einen „Zyklus schauerlicher Lieder“ kündigte Franz Schubert seinen Freunden im Frühjahr 1827 die ersten 12 Gesänge der Winterreise an. Als er sie ihnen „mit bewegter Stimme“ vortrug, waren alle „über die düstere Stimmung dieser Lieder ganz verblüfft“, ja der lebenslustige Schober konnte überhaupt nur an einem Lied, dem Lindenbaum, Gefallen finden. Schubert aber bekannte: „Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden auch euch noch gefallen“.

Diese von Joseph von Spaun überlieferte Geschichte zeigt zum einen, wie sehr Schubert selbst die Winterreise als Liederzyklus im modernen Sinne begriff: als eine nicht nur durch die Gedichte von Wilhelm Müller, sondern auch durch die musikalische Stimmung zusammengehaltene Einheit; zum anderen, wie sehr die extremen Gefühle von Melancholie und Selbstzerstörung in diesen Liedern selbst die mit Schubert am meisten vertrauten Hörer seiner Zeit irritierten, ja abstießen.

Heute ist die „Winterreise“ ein Denkmal des Kunstliedes, ein Standard, für den man die Erregung der ersten Hörer und des Komponisten erst wieder kreieren muß. Denn natürlich ist der Zyklus seit seiner Entstehung von Deutungen und Interpretationstraditionen überlagert worden. Ihr Bogen reicht von einer Auffassung als politische Parabel des Metternich-Regimes bis zur vordergründigen Interpretation als romantische Liebesgeschichte. Zeitlos faszinieren bis heute die 24 Lieder, die von einem in der Liebe enttäuschten Mann und dessen ziellose Reise durch eine erstarrte Winterlandschaft erzählen.

Schuberts „Winterreise“, vollendet in den letzten Monaten seines kurzen Lebens, ist eines der eindrucksvollsten und rätselhaftesten Meisterwerke der europäischen Kultur. Einst geschrieben für intime Gelegenheiten, füllt der Liederzyklus heute die größten Konzertsäle der Welt. Und wenn es einen Sänger unserer Zeit gibt, auf den ich mich festlegen müsste (was eigentlich schon eine unlösbare Aufgabe ist, denn es gibt so viele sehr gute!), würde meine Wahl auf Ian Bostridge fallen – bis heute habe ich ihn in den letzten 15 Jahren dreimal live mit verschiedenen Pianisten erlebt; und jedes Mal hatte ich das Gefühl, einem Psycho-Krimi beizuwohnen.

Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle, dass Ian Bostridge auch ein unfassbar kluges und sehr lesenswertes Buch über Schuberts „Winterreise“ geschrieben hat. Darin erschließt er nicht nur Kontext und Wirkung der 24 Lieder, es gelingt ihm auch, uns jene zeitlos magische Energie nahezubringen, die Schuberts Wanderer in einen Spiegel unserer eigenen Seele verwandelt (Ian Bostridge: Schuberts Winterreise – Lieder von Liebe und Schmerz).
Hier aber nun der heutige Konzertmitschnitt – er entstand am 1. Juli 2016 beim Kammermusikfestival Utrecht im Großen Saal des TivoliVredenburg; Ian Bostridge (Tenor) wird begleitet von Saskia Giorgini (Klavier).

Ihnen allen ein schönes 2. Adventswochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler