Musik in schwierigen Zeiten-Folge 107

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
vor einigen Wochen erhielt ich über eine Chorsängerin einen Hinweis über ein besonderes Musikvideo, das im Kaiserdom in Königslutter aufgezeichnet wurde – und schon stand der Inhalt für eine weitere Ausgabe dieses Newsletters fest: Heute geht es um die sechs Cellosuiten von Johann Sebastian Bach.
Die sechs Cellosuiten sind so etwas wie die Königsdisziplin für Cellisten. Es ist nicht leicht, hier eine eigene Interpretation dieser Werke zu finden, da es kein Autograph gibt. Die frühesten Quellen von Bachs Cellosuiten werfen ein bezeichnendes Licht auf die Lebensumstände in der Leipziger Kantorenwohnung, in der seine Söhne aufwuchsen: Hier waren alle in das tägliche Abschreiben, Einstudieren und Aufführungen von Musik einbezogen. Um 1726 schrieb sich der Bach-Schüler Johann Peter Kellner die Suiten ab. Durch ihn, weitere Schüler, Thomaner und Studenten glich Bachs Wohnung einem „Taubenhaus“, wie Carl Philipp Emanuel Bach es einmal formulierte. Es ist erstaunlich, dass Bachs zweite Frau Anna Magdalena in diesem Trubel die Ruhe fand, ihre wunderschöne Abschrift der Cellosuiten anzufertigen.

Bis heute sind dies die beiden Hauptquellen für die Suiten, deren Autograph verloren ging. Komponiert hat sie Bach vermutlich bereits am Köthener Hof, doch sind sie, wie die Leipziger Handschriften zeigen, in die Musikpraxis des Thomaskantors Bach eingeflossen.

Die Bach-Suiten von Bach sind nicht nur das absolute Kernrepertoire für Cellisten, sondern gleichsam die Messlatte, an denen man sich messen lassen muss. Es ist  wohl das Ziel eines jeden Cellisten, sich sein Leben lang mit ihnen zu beschäftigen, eines Tages aber auch eine Gesamtinterpretation vorzulegen. Gefördert vom Bärenreiter Verlag präsentiert der Cellist Johannes Raab jede der Suiten in aufwändigen Filmproduktionen in Verbindung mit einem architektonischen Partner. Die sechs Filme sind gleichsam Portraits einiger der schönsten und bedeutendsten Kirchen Deutschlands. Die Gesamteinspielung ist nun schon zu zwei Dritteln veröffentlicht.
Die Suite für Violoncello Nr. 2 d-Moll BWV 1008 spielte Johannes Raab in diesem Jahr im Kaiserdom – es gehört zu den zahlreichen Kuriositäten dieses Ortes, dass ich von diesem Projekt erst Wochen später überhaupt erfahren habe – diesen jungen Musiker hätte ich gerne vor Ort kennen gelernt. Sehen Sie hier das gelungene Ergebnis:
Einen unvergesslichen Abend mit allen sechs(!) Cellosuiten hatte ich am 22. März 2016 in der Berliner Philharmonie. Wer jemals daran zweifelt, ob es möglich oder gar sinnvoll ist, in einem Saal mit 2.400 Besuchern diese intime Musik aufzuführen, wird spätestens durch einen Musiker wie Yo-Yo Ma bekehrt. Ihm gelang es mühelos, in einem dreistündigen Konzert den Saal auf die Musik zu konzentrieren. Selten habe ich ein so stilles und aufmerksames Publikum erlebt. Einen kleinen Eindruck erhalten Sie hierzu als Vergleich mit zweiten Suite – Yo-Yo Ma ist mit Bachs Suiten 2015 im Rahmen der BBC Proms auch in der Londoner Royal Albert Hall aufgetreten:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler