Musik in schwierigen Zeiten-Folge 105

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

am ersten Adventswochenende soll heute festliche Chormusik in dieser Ausgabe erklingen: Johann Sebastian Bachs Magnificat D-Dur BWV 243.

Das Magnificat – der „Lobgesang der Maria“ (Lukas 1, 46–55) –  ist einer der drei großen neutestamentlichen Gesänge (Cantica), die an die Tradition des Psalmengesangs anknüpfen. Er gehört in einen größeren Erzählzusammenhang mit der Weihnachtsgeschichte, so wie sie beim Evangelisten Lukas berichtet wird. Der Gesang wird von der schwangeren Maria angestimmt, als sie kurz nach der Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel ihre Verwandte Elisabeth besucht und von ihr als „Mutter des Herrn“ gepriesen wird.
Liturgisch hat das Magnificat seinen festen Ort in der Vesper, dem Abendgebet um 18.00 Uhr; es ist außerdem das Evangelium zum 4. Advent. Bachs Magnificat entstand in Bachs erstem Amtsjahr als Thomaskantor. Es erklang erstmals zur Weihnachtsvesper am 25. Dezember 1723, der damaligen Leipziger Tradition folgend angereichert durch vier weihnachtliche Einlagesätze: die Lieder „Vom Himmel hoch“ (Luther) und „Freut euch und jubiliert“, den in das Messordinarium eingegangenen weihnachtlichen Lobgesang der Engel „Gloria in excelsis“ und das mittelalterliche „Virga Jesse floruit“ (nach Jesaja 11). In den meisten Fällen erklingt die spätere Fassung, die der heute gängigen Praxis folgend von Es-Dur nach D-Dur transponiert wurde, die Einlagesätze der früheren Fassung entfallen dabei meistens – und so verhält es sich auch im heutigen Konzertmitschnitt.
Vor 13 Jahren habe ich dieses großartige Werk mit der Propsteikantorei Königslutter und zwei weiteren Chören im Kaiserdom aufführen dürfen. Es war ein Wendepunkt in meiner Chorarbeit. Nach drei Jahren Aufbauarbeit in Königslutter haben wir uns mit diesem Chor erstmals an ein größeres Werk herangewagt – und damit begann die bis heute andauernde Praxis, neben den wöchentlichen Gesamtproben zusätzlich auch Einzelstimmproben anzusetzen – nicht immer, aber sehr oft auch zur Freude der Chorsänger*innen.

Eine großartige Aufführung dieses Werks möchte ich Ihnen heute vorstellen, sie fand im Jahr 2000 im Benediktinerkloster Stift Melk in Österreich statt. Es musizieren Christine Schäfer (Sopran)  Anna Korondi (Sopran) , Bernarda Fink (Mezzosopran), Ian Bostridge (Tenor) und Christopher Maltman (Bariton), der Arnold Schoenberg Chor und der Concentus Musicus Wien unter der Leitung Nikolaus Harnoncourt:

https://www.youtube.com/watch?v=41blIyHQ0hs

Ihnen allen ein schönes erstes Adventswochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler