Musik in schwierigen Zeiten-Folge 103

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,

Reisen bildet – und inspiriert auch zu Musik: Auf Vorschlag von Ignaz Moscheles war England die erste Station der mehrjährigen Bildungsreisen des jungen Felix Mendelssohn Bartholdy. Im April 1829 traf er in London ein, wo er sich aufgrund von Empfehlungsschreiben und Konzerten schnell einen bedeutenden Ruf verschaffte. Er knüpfte sofort enge Beziehungen zu englischen Musikerkreisen, was dazu führte, dass er zwischen 1829 und 1847 weitere neunmal nach England reiste.

Am Ende der Saison brach er mit seinem Freund Karl Klingemannn zu einer Wanderung durch das Schottische Hochland auf. In den Highlands füllten beide ihre Skizzenhefte unermüdlich mit Versen und Zeichnungen. Höhepunkt der Reise war ein Ausflug zur „Fingalshöhle“ auf der Hebrideninsel Staffa, eine 70 Meter tiefe Höhle, in der gewaltige sechseckige Basaltsäulen stehen und die der Volksglaube mit dem sagenhaften Fingal in Verbindung bringt. Fingal oder auch Finn ist nach der irischen Sage der Name eines großen Kriegers und Fürsten des 3. Jahrhunderts. Inspiriert durch die beeindruckende Höhle skizzierte Mendelssohn am 7. August 1829 das Anfangsthema seiner „Hebriden“-Ouvertüre op. 26.

Über die Eindrücke und Inspirationen, die er auf dieser Fahrt zu den Hebriden gewann, äußerte sich Mendelssohn – der sonst regelmäßig und ausführlich von seiner Reise berichtete – in seiner Korrespondenz recht knapp, aber dafür umso deutlicher auf die beigefügte musikalische Skizze verweisend, nach seiner Rückkehr: „Was liegt da alles dazwischen, die grässlichste Seekrankheit, Staffa, Gegenden, Reisen, Menschen, … und Ihr werdet entschuldigen, wenn ich mich kurz fasse, auch steht das Beste, was ich zu melden habe, genau in den obigen Musikzeilen.“ Interessanterweise ist diese Skizze, die etwa den ersten 10 Takten der „Hebriden“ entspricht, bereits mit Orchestrierung notiert; die erwünschte klangliche Stimmung stand Mendelssohn also bereits sehr klar „vor Augen“.
Johannes Brahms meinte bewundernd über die „Hebriden“-Ouvertüre: „Alle meine Werke gäbe ich darum, wenn ich eine Ouverture wie die Hebriden von Mendelssohn hätte schreiben können.“ Aus einem kleinen Kernmotiv erfand Mendelssohn drei Themen: eine absteigende Wellenbewegung, eine erhebende aufsteigende Melodie und ein fanfarenartiges Motiv. Aus diesem thematischen Material formte Mendelssohn mit kühner Harmonik eine vielfach schillernde Tondichtung, deren Stimmungen von heftiger Bewegung und strahlendem Glanz bis zu berührender Idylle reichen.

Den Entwurf von Schottland arbeitete Mendelssohn zum größten Teil während seiner nächsten Reise, die ihn nach Italien führte, 1830 in Rom aus. Die 1832 revidierte Ouverture wurde am 14. März 1832 während einer Gastspielreise nach England bei einem Konzert der London Philharmonic Society uraufgeführt. Und aus London kommt auch unser heutiger Konzertmitschnitt: Das London Symphony Orchestra spielte Mendelssohns „Hebriden“-Ouvertüre vor einigen Jahren im Barbican Centre unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner:

https://youtu.be/MdQyN7MYSN8

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen

Matthias Wengler