Musik in schwierigen Zeiten-Folge 102

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
im Februar 1817 schrieb der zwanzigjährige Franz Schubert ein Lied nach Versen von Matthias Claudius: Der Tod und das Mädchen. Der Text mobilisiert alte mythische Bilder: Tod und Jugend, Tod und Schönheit, die Entrückung derer, die das Leben noch nicht beschädigt hat. Wie viele seiner frühen Lieder legte Schubert auch dieses als Szene an – musikalisch mutig: Die Melodie erscheint oftmals räumlich aufgelöst, man weiß häufig nicht, in welcher Stimme man sie suchen soll, und doch ist sie greifbar.
Das berühmte Lied können Sie hier in einer sehr privaten Aufführung erleben – gerne hätte ich Ihnen die Probe dazu mitgeliefert, die vor vielen Jahren einmal bei arte gesendet wurde. Selten habe ich in meinem Leben ein Ehepaar erlebt, das so verbissen um musikalische Details ringt. Für Nichtkenner ist es vielleicht schwer verständlich, dass diese Ehe nach der Probe noch Bestand hatte – der Pianist hat die Sängerin wirklich sehr gefordert… – aber wen wundert es? Die Sängerin ist Julia Varady, und ihr Begleiter am Klavier ist ihr Ehemann: Lied-Legende Dietrich Fischer-Dieskau.

1824, sieben Jahre später griff Schubert das kühne Stück erneut auf und machte es zum gedanklichen Mittelpunkt des Streichquartetts Nr. 14 d-Moll D 810. Auf ihn bezieht sich das ganze Werk.

In den Jahren 1822 bis Anfang 1824 hatte Schubert jede Menge Kummer zu ertragen: Die schwere Erkrankung an Syphilis brachte ihn zeitweise ins Krankenhaus und lähmte sein Selbstvertrauen. Er schrieb an einen Freund: „Ich fühle mich als den unglücklichsten, elendsten Menschen auf der Welt, jede Nacht, wenn ich schlafen geh, hoff ich nicht mehr zu erwachen.“ Außerdem plagte ihn eine schöpferische Krise: Seine Versuche, sich als Komponist für die  Bühne zu etablieren, hatten ihr jähes Ende mit der Musik zu dem Drama „Rosamunde, Fürstin von Zypern“ gefunden, die bereits nach zwei Aufführungen vom Spielplan genommen wurde. Zahlreiche Klaviersonaten und Sinfonien beendete er in jenen Jahren nicht, auch ein begonnenes Streichquartett blieb ein Torso.

Im Frühjahr 1824 wandte sich Schubert auf geradezu stürmische Weise wieder der drei Jahre vernachlässigten Kammermusik zu. Für die beliebten Quartett-Konzerte von Ignaz Schuppanzigh schrieb er drei Werke, darunter das d-Moll- Streichquartett D 810.  Am 1. Februar 1826 wurde es in privatem Rahmen in Wien aufgeführt und fand, wie sich Franz Lachner erinnerte, „durchaus nicht ungeteilten Beifall“. Allerdings wurde das neue Quartett weder öffentlich gespielt noch gedruckt. Angeblich soll der Geiger des Schuppanzigh-Quartetts das Werk schroff abgelehnt haben, mit den an Schubert gerichteten Worten: „Brüderl, das ist nichts, das lass sein; bleib du bei deinen Liedern“. Die öffentliche Uraufführung fand erst 1833 nach Schuberts Tod statt. Die 1824 komponierten Kammermusikwerke waren für Schubert ein Aufbruch in eine neue Richtung.

Ideelles Zentrum des düster-drängenden Werkes Streichquartetts ist der zweite Satz. Seine Variationen folgen dem Inhalt des Liedes, dem Dialog zwischen dem Tod und dem Mädchen. Eine lyrische Melodie ist die Basis für fünf kunstvolle Variationen und eine verhauchende Coda.

Das d-Moll-Quartett rührt an Abgründen. Seine ausgedehnten Klangflächen, die Abbrüche und Einstürze, nach denen das Werk erst allmählich seine Sprache wiederfindet, die Hohlräume, in die die Musik wie in Negativabdrücke ihrer selbst umkippt, haben auch Freunde Schuberts irritiert. Das Lied hat sich in ein vieraktiges Klangdrama verwandelt, ohne Worte.

Zu den legendären Streichquartetten gehört das Alban Berg Quartett, das ich 2008 mit diesem Werk in seinem letzten Konzert in Köln noch erleben durfte – das angesehene Quartett, das weltweit Erfolge feierte, löste sich danach nach 38-jähriger Konzerttätigkeit auf. Hier sind sie in einem Mitschnitt aus dem Jahr 1996 im Wiener Konzerthaus zu erleben:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen
Matthias Wengler