Musik in schwierigen Zeiten – Folge 100

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

kaum zu glauben, aber wahr: Die 100. Ausgabe ist erreicht – und hierfür habe ich ein Werk reserviert, das mich schon lange durchs Leben begleitet. Hin und wieder werde ich gefragt, welches Konzert mein schönstes war, das ich selbst geleitet habe. Abgesehen davon, dass ich mit Superlativen immer zurückhaltend umgehe, lege ich mich heute gerne einmal fest. Eines der schönsten Konzerte, das ich selbst leiten durfte, fand 2009 im Kaiserdom in Königslutter statt.

2009 hat die Musikwelt den 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy gefeiert – und auch in Königslutter haben wir das in diesem Jahr mit Orgel-, Chor und Orchesterkonzerten getan. Das Jubiläumsjahr ging für uns im Kaiserdom, der sich damals noch mitten in der Innenrestaurierung befand, zu Ende – auf dem Programm des Chor- und Orchesterkonzerts, in dem wir mit drei Chören den Weihnachtsteil aus dem unvollendeten Oratorium „Christus“ und den 42. Psalm „Wie der Hirsch schreit“ aufgeführt haben, stand auch Mendelssohns Violinkonzert e-Moll op 64. Solist war Konradin Seitzer, damals noch Student an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin. Der junge Geiger riss das Publikum mit seinem ausdrucksvollen Musizieren zu Begeisterungsstürmen hin, für mich war es eine unvergessliche Zusammenarbeit.

„Ich möchte dir wohl ein Violinkonzert machen.“ Das versprach Felix Mendelssohn Bartholdy seinem besten Freund, dem Geiger Ferdinand David. Sechs Jahre tüftelte Mendelssohn an seinem musikalischen Geschenk, bevor David es 1845 endlich uraufführen konnte. Dem teilweise in Briefen dokumentierten Austausch zwischen Mendelssohn und David ist es zu verdanken, dass die Solostimme sehr aus dem Geist des Instrumentes heraus geschrieben ist. Da ist es nicht verwunderlich, dass nach der sehr erfolgreichen Uraufführung am 13. März 1845 mit dem Gewandhausorchester Leipzig der anwesende Robert Schumann dem – ebenfalls kompositorisch tätigen – Geiger David mit den Worten gratulierte: „Siehst du, da hast du jetzt das Konzert gespielt, das du eigentlich immer schreiben wolltest.“
Das Publikum bei der Uraufführung war nicht nur hingerissen von den filigranen Klängen und perlenden Läufen, sondern zugleich auch überrascht von einigen Neuerungen, die Mendelssohn in sein Konzert eingebaut hatte. Statt einer langen Orchestereinleitung setzt die Violine sofort ein. Die Sätze gehen alle fließend ineinander über. Und die Kadenz befindet sich nicht am Ende des ersten Satzes, sondern mitten in der Durchführung. Bis heute zählt dieses Violinkonzert zu den beliebtesten und meistgespielten Werken der Geigenliteratur.

Sehr oft habe ich das Werk im Konzertsaal gehört – und man wird wohl nie satt davon. Drei Solisten habe ich heute für Sie ausgewählt, die ich alle mit diesem Konzert live erlebt habe. Zunächst eine Überraschung, die den Solisten betrifft, weil man ihn nicht unbedingt erwartet. Ein dienstfreier Sonntagvormittag führte mich am 16. Februar 1997 erstmals in die Hamburger Laeiszhalle, die damals noch Musikhalle hieß: Das NDR-Sinfonieorchester musizierte unter der Leitung des damaligen Chefdirigenten Herbert Blomstedt und hatte einen aufstrebenden Solisten zu Gast, der damals gerade 16 Jahre alt war: David Garrett. Wenige Tage später gingen alle zusammen offensichtlich auf eine Japan-Tournee, durch Zufall habe ich diesen Mitschnitt entdeckt:

https://www.youtube.com/watch?v=TjXOYbhboxY

Von Rudi Carrell ist folgender Satz überliefert: „Lieber ein Holländer im Fernsehen, als 10.000 auf der Autobahn.“ – Sehr viele Holländer hatten sich am 13. April 2011 in der Berliner Philharmonie eingefunden. Anlass war der Staatsbesuch von Königin Beatrix der Niederlande – und bevor sie vermuten, dass es Hape Kerkeling war: Nein, es war die echte! Die niederländische und die deutsche Nationalhymne ließen keinen Zweifel daran, wer soeben in Block B vor mir Platz genommen hatte. Das Concertgebouworkest Amsterdam spielte unter der Leitung von Mariss Jansons Mendelssohns Violinkonzert mit der niederländischen Geigerin Janine Jansen:

https://www.youtube.com/watch?v=B_i9ekGtEP4

Mein vorerst letztes Live-Erlebnis mit Mendelssohns Konzert fand am 26. Februar 2020 im Berliner Konzerthaus statt. Anlässlich eines Konzertes zum 80. Geburtstag von Christoph Eschenbach spielte der australische Geiger Ray Chen mit dem Orchestre de Paris Mendelssohns Violinkonzert – ihn können Sie hier mit dem Mendelssohn-Konzert erleben, der Mitschnitt entstand am 28. Februar 2015 mit den Göteborger Symphonikern unter der Leitung von Kent Nagano:

https://www.youtube.com/watch?v=I03Hs6dwj7E

P.S: Unser damaliger Solist Konradin Seitzer ist heute Konzertmeister des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Er ist hier in einem ganz anderen musikalischen Zusammenhang zu sehen (im Bild bei 4:19) – und mit dieser musikalischen Umarmung danke ich Ihnen herzlich für das positive Feedback, das ich in den zurückliegenden acht Monaten immer wieder von Ihnen zu dieser Reihe erhalten habe:

https://www.youtube.com/watch?v=U0QDJo0XU74

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler