Musik in schweiriegen Zeiten-Folge 114

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

für den heutigen Vorabend zum 4. Advent war eine gekürzte Version von Händels „Messias“ als Weihnachtskonzert im Kaiserdom vorgesehen. Wenigstens auf diesem Wege möchte ich Ihnen heute dieses Werk vorstellen:

Bei Blasphemie mag man an vieles denken, aber sicher nicht an Händels „Messias“. Doch das Londoner Publikum war seinerzeit „not amused“: Ein Oratorium aus Bibelzitaten als Abendunterhaltung im Theater? No way! Geht gar nicht! Da wagte es 1742 dieser abgehalfterte Opernkomponist Georg Friedrich Händel doch tatsächlich, ein Oratorium mit dem Titel „Messias“ als „Entertainment“-Veranstaltung im irischen Dublin aufzuführen. Mit vorwiegend alttestamentarischen Bibelzitaten wird darin die Heilsgeschichte Jesu erzählt, von den Prophezeiungen bis zur Wiederkehr am jüngsten Tag. Was heute zu den berühmtesten und bekanntesten Stücken Händels gehört – nicht zuletzt Dank des populären „Halleluja“-Chors -, schien nach der Uraufführung am 13. April 1742 jedoch zunächst eine Pleite zu werden. Zwar feierten die Dubliner den „Messias“, nicht jedoch das maßgebliche Londoner Publikum.

In gerade 24 Tagen, vom 24. August bis 12. September 1741, hatte Händel die Partitur – zum Teil unter Verwendung früherer Stücke – niedergeschrieben. Zuvor hatte der aus Halle an der Saale stammende Komponist, der seit Oktober 1712 in London lebte, mit 42 Opern zunächst große Erfolge geerntet, dann jedoch mehr und mehr auch wirtschaftliche Tiefschläge. Mit dem „Messias“-Oratorium wollte Händel wieder an alten Ruhm anknüpfen, zumal er als Oratorien-Komponist in London quasi keine Konkurrenz hatte – sprich: Er nutzte eine Marktlücke.

So schrieb Händel von 1743 bis 1752 eine durchgehende Reihe von ein bis zwei neuen Oratorien pro Saison, viele davon zu Themen aus dem Alten Testament. Am Ende zählte das Werkverzeichnis 25 Stücke. Dabei schuf er eine neue Form des Musikdramas: Er verknüpfte Elemente des englischen Theaters, des klassischen französischen Dramas, der deutschen Kirchenkantate und der italienischen Oper. Insbesondere der Chor wurde dabei aufgewertet. Kein Wunder also, dass die meisten Menschen bei Händels „Messias“ sofort – und nicht selten ausschließlich – den imposanten „Halleluja“-Chor im Ohr haben.

Der „Messias“ blieb für Händel ein besonderes Stück. Immer wieder überarbeitete er das Oratorium, passte es neu an. Den skeptischen Londonern, denen schon der Titel „Messias“ für eine Abendunterhaltung in einem weltlichen Theater anstößig erschien, kam Händel entgegen und taufte das Stück eigens um: So wurde es bei der ersten Londoner Aufführung am 13. März 1743 im Covent Garden Theatre einfach nur als „A New Sacred Oratorio“ angekündigt.

Erst 1750 begann eine jährliche Aufführungstradition: Händel schloss seitdem seine Oratoriensaison in der Fastenzeit immer mit dem etwa zweieinhalbstündigen „Messias“ ab. Zur Tradition wurde auch die alljährliche Aufführung nach Ostern in der Kapelle des Londoner Foundling Hospitals, deren Erlöse Findelkindern und Waisen zugutekamen. Schon bei der Uraufführung in Dublin hatte Händel die Einnahmen Schuldgefangenen und Armenkrankenhäusern gespendet.

Dass Händel seinen „Messias“ stets in der Fasten- oder Osterzeit auf den Spielplan setzte, entsprach dem Inhalt, der im zweiten Teil die Passion und die Auferstehung, im dritten Teil die Wiederkunft und Verherrlichung Jesu behandelt. Doch schon zu Händels Lebzeiten wurde es in Dublin üblich, das Werk auch in der Adventszeit im Konzertsaal aufzuführen – thematisiert doch der erste Teil des Oratoriums die Verheißung von Christi Geburt. Im Laufe der Jahre breitete sich in den englischsprachigen Ländern diese Aufführungspraxis im Advent immer weiter aus.

Eine Woche vor seinem Tod saß der inzwischen erblindete Händel 1759 zum letzten Mal in einer Messias-Aufführung in London an der Orgel. Erst 13 Jahre nach seinem Ableben und fast genau auf den Tag 30 Jahre nach der Uraufführung in Dublin erklang am 15. April 1772 der „Messias“ zum ersten Mal in Deutschland: in Hamburg, in englischer Sprache und mit einem englischen Dirigenten. Mit Erfolg: Inzwischen gehört das Stück auch im Heimatland seines Komponisten zu den Aufführungs-Klassikern der Fasten- und Osterzeit.

Vor fünf Jahren fand am 11. Dezember eine gelungene (und stark gekürzte) Aufführung von Händels „Messias“ statt, die ich Ihnen heute gerne empfehle. Es singen und musizieren Johanna Winkel (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), Ian Bostridge (Tenor), Alastair Miles (Bass) der Chor des NDR (Einstudierung: Klaas Stok) und die Deutsche Radio Philharmonie unter der Leitung von Andreas Spering.
Unsere für heute geplante Aufführung möchten wir sehr gerne am Ostermontag, 5. April, 2021 nachholen – ob das möglich sein wird, vermag heute noch niemand zu sagen…
Ihnen allen ein schönes Adventswochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler