Ermutigungswort zum Sonntag Sexagesima am 07.02.2021

Meine Kollegin möchte am 14.02.2021 einen Themengottesdienst gestalten: In diesem Jahr fällt der Valentinstag auf einen Sonntag. Es ist unschwer zu erraten, welchem Leitwort sie folgen wird. Genau, „Liebe“ wird das Thema sein: Lieder, Gebete, Bibelworte … – „Na, fällt dir spontan ein Liebesgedicht ein?“, hat sie mich gefragt. – Meine Antwort: „Bert Brecht hat sehr schöne Liebesgedichte geschrieben.“  – Was hätten Sie geantwortet? Haben Sie ein Liebeslieblingsgedicht?
Schauen wir auf den kommenden Sonntag. Dieser trägt den Namen „Sexagesimae“. Es ist eine Zeit- und Zahlenangabe: In ca. 60 Tagen feiern wir Ostern. Für das Ermutigungswort habe ich mir den Wochenpsalm ausge-wählt, und zunächst spiele ich ein bisschen mit Zahlen. Im Gottes-dienst am Sonntag werden Verse aus Psalm 119 gelesen. Der zu lesende Textab-schnitt lässt nicht erkennen, dass Psalm 119 der längste Psalm der Bibel ist. In einer besonderen Kunstform ist er geschrieben, ein sog. Alphabetspsalm: Der erste Vers beginnt mit „Aleph“ und der letzte mit  „Taw“, alle 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets werden der Reihe nach durchbuchstabiert. Sieben Psalmen im Psalter sind so komponiert, die Besonderheit von Psalm 119 liegt darin, dass jeder Buchstabe eine Strophe mit acht Versen bildet. Insgesamt: 176 Verse. Meine Lesezeit hat ca. 9:30 Minuten betragen. ( – Wie lange lesen Sie?)

Salopp gesagt, der Psalmbeter hat viel zu erzählen. Form und Inhalt passen zusammen: von „A“ bis „Z“, alles, was ihm widerfährt, das ganze Leben kommt zur Sprache: Glück und Leid, Freude und Frust, Lachen und Weinen, Hoffnung und Angst, Bitten und Flehen in der Not, Dank für Hilfe und immer wieder Gotteslob. Ein reicher Erfahrungsschatz. Eröffnet wird die Perspektive guten Lebens und Zusammenlebens. Dazu braucht es  verbindliche Verabredungen (in der Sprache des Psalms: Anweisung, Gebot, Gesetz, Ratgeber, Rechtsordnung, Richtschnur, Verheißung, Vorschrift, Weg der Wahrheit, Weisung, das Wort …), die getroffen werden müssen und zu achten sind, um Lebenschancen zu eröffnen und denen Schutz zu geben, die schutzlos sind. Der Psalmbeter plädiert für Recht und Gerechtigkeit. Doch er ist sehr weit davon entfernt, ein politisches Programm zu entwerfen. Seine Gedanken kreisen um „das Wort“. Wieder und wieder, in neuen Anläufen und Runden. (Das Mitlesen ist es ganz schön mühsam, und vielleicht ertappen auch Sie sich dabei, wie schnell  die eine und andere Zeile übersprungen ist).
Für heute wähle ich nur einen Vers aus: DEIN Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ (Psalm 119,105)

Ein Satz reicht, um das Besondere des Psalms zu erkennen: die Zwiesprache – Der Beter spricht mit Gott, vor IHN bringt er sich und sein Leben. Er hört, erfährt „das Wort, das er liebhat“ (Verse 97.113.163.165).

Damit bin ich wieder beim Anfang: der Sprache der Liebe. Sie begegnet uns hier in ganz ungewohnter Weise in der Beschreibung der Gottesbeziehung, im „Wort“: im Lesen der Heiligen Schrift, in der Feier des Gottesdienstes, in Gesprächen zwischen Lehrer und Schüler, in der Zuwendung im Gebet, in der Ermutigung, sich den Herausforderungen des Alltags zu stellen … – Eugen Eckert übersetzt den  Psalmvers so:

„Dein Wort will Licht und Leuchte sein.
Es spricht zu uns. Es lädt uns ein.
Es spricht vom Recht zum Neubeginn,
von Hoffnung, Halt und Lebenssinn.“

Morgens und abends zu lesen

Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.

Darum gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Daß er mich erschlagen könnte.
(B.Brecht)

Reinhold Jordens-Höke
Pfarrer im Kirchengemeindeverband Königslutter