Ermutigungswort zum Sonntag Reminscere, 28.02.2021

Ermutigungswort zum Sonntag Reminscere, 28.02.2021
(reminiscere, lateinisch, bedeutet: Gedenket !)
Das Weinberglied (Jesaja 5, 1-7)

Liebe Leserin, lieber Leser,
als ich den Predigttext für den kommenden Sonntag las, habe ich einen Schreck bekommen. Ich dachte mir, was soll das nur
werden ?
Bei der Passage aus einem alttestamentlichen Buch handelt sich um ein Protestlied, das alles andere als ermunternd ist. Dabei trägt es den harmlosen Titel: Das Weinberglied.
Weinberge sind eigentlich etwas Schönes und manch einer denkt vielleicht an fröhliche Abende bei Wein und Gesang zurück.
Dieses Lied ist aber gar kein gute Laune Song. Obwohl es prima anfängt. Es wird ein Weinberg mit prächtigen Gewächsen und bester Lage angepriesen. Aber leider bringt er weder gute Früchte noch einen Ertrag. Der Weinbergbesitzer will deshalb die Pflege einstellen und den Berg aufgeben.
Eine nachvollziehbare Entscheidung.
Eine Frage bleibt aber noch offen: Weshalb bringen beste location und feinste Reben keinen Ertrag ?
Nun, wäre von einem tatsächlichen Weinberg die Rede, wüsste ich jetzt nicht weiter, und wir müssten einen ortskundigen
Landwirt um Auskunft bitten. Aber der Weinberg, der hier besungen wurde, war als Bild, als Symbol gebraucht. Er war ein Bild für Volk Israel und den jüdischen Staat vor bald 2.700 Jahren. Der damalige Staat war ein soziales und politisches Trümmerfeld. Es waren brutale Zeiten. Die damalige Großmacht Assyrien überzog den Nahen Osten mit Krieg und Terror. Der Gemeinsinn war verschwunden. Der wirtschaftliche Mittelstand ging in die Knie.
Und sowohl der König in Jerusalem als auch Verwaltung und Militär spielten mit dem Feuer als sie den assyrischen Militärstaat provozierten.
Aber nur wenige sahen das drohende Unheil kommen. Und wer die selbstzufriedene Stimmung störte, galt als Schmuddelkind.
Einer dieser Störenfriede hieß Jesaja. Von ihm stammt das Weinberglied. Es war sein Kommentar zur Lage. Die letzte Zeilen seines Protestliedes lauten: „Gott wartete auf Rechtsspruch, (aber) siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, (aber) siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit“.
Mit seiner Ballade vom Weinberg hat sich Jesaja damals nicht beliebt gemacht. Aber trotz seiner bissigen Kritik an der gesellschaftlichen und religiösen Elite ist er nicht in einem Gefängnis verschwunden. Er blieb über Jahrzehnte ein kritischer
Kommentator seiner Zeit. In Putins Reich würde es ihm heute anders ergehen.
In seinen Stellungnahmen redet Jesaja nicht von finsteren, unsichtbaren Mächten, die die Fäden in Politik und Wirtschaft ziehen. Er benennt keine verborgenen Verschwörer, von deren Taten nur Eingeweihte wissen. Er braucht keine geheimen, anonymen Quellen, die ihm enthüllen, was wirklich los ist.
Er nimmt die Menschen in ihrer schlichten Egozentrik, in ihrer Selbstgefälligkeit und ihrer Kurzsichtigkeit. Manchmal braucht es nur die Gleichgültigkeit der nicht Betroffenen, damit anderen das größte Leid geschieht.
Es braucht keinen Hass. Es genügt das Desinteresse an Menschen, die nicht unmittelbar zu einem gehören.
Manche versinken unverschuldet in wirtschaftlicher Not und andere profitieren davon. Manche leiden und niemand nimmt es wahr.
Jesaja hat darüber eine Generalabrechnung gemacht und sie fiel nicht gut aus.

Auch wenn uns Jahrtausende von Jesaja trennen, können wir nicht nur nachvollziehen, was er schreibt. Vielleicht können wir sogar einen unmittelbaren Nutzen aus seinen Gedanken ziehen.
Wie schnell geraten wir mit unseren Gedanken und Verhaltensweisen in einen Trott. Manchmal ist es gut, einmal inne zu halten, und darüber nachzudenken, was mit einem selbst los ist.
Oder mit einem Vergleich für unsere Nerds: so wie ein Computer regelmäßig Systempflege braucht, so sollten auch wir unser Innenleben ab und an auf Vordermann bringen.
Ethische male ware schadet unserem inneren Leben.
Und wenn man eine Systemstörung feststellt, muss es ja nicht dabei bleiben. Für Maschinen gibt es Programme. Aber Menschen
müssen sich selbst ändern. Während einem technische Zauberwerke keine Fehler verzeihen, können Menschen einander
vergeben und Verantwortung übernehmen.
Was für einen selbst im kleinen gilt, kann vielleicht auch nach der Corona Krise in anderen Bereichen bedacht werden. Ist es wirklich angemessen, dass wir allzu viele Lebensbereiche dem Gebot der Gewinnorientierung unterwerfen ? Müssen z.B. Krankenhäuser gewinnorientiert sein ? Ist das der angemessene Umgang mit Krankheit und Pflege ?
Der kommende Sonntag heißt auf deutsch „Gedenket !“.
Diese headline stammt aus dem 25. Psalm.
Dort heißt es:
„Herr, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige ! Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich. Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte“.
Es muss ja nicht so kommen, wie es Jesaja in seinem Weinberglied beklagte. Bitten wir Gott, um ein wahrhaftiges und barmherziges Gewissen.
Meint Ihr
Robert U. Giesecke
Pfarrer in Bornum-Lauingen-Rieseberg