Ermutigungswort zum 4. Advent

Ich bat die Konfis einmal zu überlegen, wie dieser Stall in unserer heutigen Welt aussehen könnte. Eine Konfirmandin sagte: „Jesus würde wahrscheinlich auf einer Mülldeponie geboren werden.“ Ein anderer: „Oder in einer dreckigen U-Bahn.“ Das trifft den Nagel ziemlich auf den Kopf, wie ich finde.
Jesus wird an einem unmenschlichen Ort geboren. Und: Er wird auch an einem unmenschlichen Ort sterben. Mit Mitte dreißig.
Wie ist zu erklären, dass wir – 2000 Jahre später – uns diese Geschichte noch erzählen? Sie lebendig halten? Beachten wir denn sonst die Geschichten der Verarmten und Erniedrigten dieser Welt?
Ich glaube, wir beachten deshalb jedes Jahr erneut diese alte Geschichte, weil sie total ehrlich ist. Hier wird nichts beschönigt. Die Welt wird so gezeichnet, wie sie ist: Mit verschlossenen Türen und Herzen und eiskalten Befehlen.
Und doch: Darin erschöpft sich die Erzählung nicht!
Nach und nach schiebt sich etwas Neues in sie hinein: Zuerst kaum wahrnehmbar, geradezu unscheinbar – später dann immer kraftvoller und majestätisch: Eine zweite Ebene. Ich nenne sie die „Weihnachtsebene“. Diese Weihnachts-Ebene erzählt nun davon, dass hier kein armseliges Leben zur Welt kommt, sondern Gottes Sohn! Und auf einmal leuchtet der Stern und es singen die Engel. Wird ein stinkender Stall zur himmlischen Wohnung umgebaut. Und auf einmal sind auch wir mittendrin, an der Krippe angekommen. Wir stellen uns dazu und sind davon gerührt, dass dieses Kind lebt und es verdient hat zu leben. Die zweite Ebene ist die Erzählung dessen, dass keine Macht dieser Welt diesem Jesus seine Würde nehmen kann. Auch später am Kreuz übrigens nicht.
Und es rührt uns, weil wir, wenn wir ehrlich sind, uns oft mit der ersten Ebene abfinden. Wie oft glauben wir um unsere Anerkennung kämpfen zu müssen? Um unseren Platz? „Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand!“ Harte Welt halt.
Hier aber, in der Weihnachts-Ebene, wird uns ein Leben gezeigt, das nackt ist. In Windeln. Und wir lesen: Das reicht! In der Heiligen Nacht wird ein Leben geboren, dessen Würde nicht am Wohlstand hängt. Nicht an Titeln. Und auch nicht an Leistungen. Dieses in Bethlehem geborene Leben hängt einzig und allein an der Liebe Gottes.
Weihnachten ist keine Parallel-Idylle, ist kein dreizehnter Monat, ist kein Ort hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Sondern an Weihnachten wird der Glaube sichtbar, dass Gott in diese kalte Welt hineinkommt. Dass mit ihm zu rechnen ist. Egal, wie schlecht es dir auch gerade geht.
Und so gibt es nun Raum für ein ganz neues Wort: Hoffnung. Gott ist auch in unseren Nächten zuhause. Kommt auch in unseren Stall, nistet sich dort ein. Und nichts kann uns scheiden von seiner Liebe! Kein kaiserlicher Befehl und kein Virus. „Fürchte dich nicht!“ Für mich ist dieser Satz die Zusammenfassung von Weihnachten – und das macht mir Mut!

„Fürchtet euch nicht!“
Für mich ist dieser Satz der Engel die Zusammenfassung von Weihnachten.
Und er fällt ganz unerwartet. Denn die „Heilige Familie“ erlebt ja gerade
keine Weihnachtsidylle mit Tannengrün und Silber-Lametta. Es wird
vielmehr erzählt, wie Maria und Josef verzweifelt nach Raum suchen und die
Welt ihnen diesen einfach nicht zugesteht. Maria wird abgeschoben und
muss so an einem Ort gebären, den sie sich freiwillig niemals ausgesucht
hätte: Neben Ochs und Esel, unter Tieren… irgendwie… unmenschlich!

Pfarrer Jonas Stark