Ermutigungswort zum 28. März 2021

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das,
was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem,
was man nicht sieht.“
(Hebräer 11,1)

Ich bete:
Gott, nicht mütend – müde und wütend –
will ich sein in diesen Tagen.
Mach mich wach und barmherzig –
schenke mir Warmherzigkeit. Amen.

Zwei Männer, beide schwer krank, lagen in einem gemeinsamen Krankenzimmer. Der eine durfte sich jeden Tag in seinem Bett eine Stunde lang aufsetzen. Sein Bett stand direkt am Fenster. Der andere Mann musste den ganzen Tag flach auf seinem Rücken liegen. Jeden Nachmittag, wenn der Mann in dem Bett beim Fenster sich aufsetzen durfte, verbrachte er seine Zeit indem er dem Zimmerkameraden alle Dinge beschrieb, die er außerhalb des Fensters sehen konnte. Der Mann in dem anderen Bett begann geradezu, für diese Ein-Stunden-Intervalle zu leben, in denen seine Welt erweitert und belebt wurde durch Vorgänge und Farben der Welt da draußen! Das Fenster überblickte einen Park mit einem reizvollen See. Enten und Schwäne spielten auf dem Wasser und Kinder ließen ihre Modellbote segeln. Junge Verliebte spazierten Arm in Arm zwischen den Blumen aller Farben und eine tolle Silhouette der Stadt war in der Ferne zu sehen. Als der Mann am Fenster all diese Dinge in wunderbaren Einzelheiten schilderte, schloss der Mann auf der anderen Seite des Zimmers seine Augen und stellte sich das malerische Bild vor.

Hoffnung ist ein Fenster. Ein Fenster in das, was sein könnte. Ob es mal so sein wird, wissen wir nicht. Aber die Hoffnung sagt: Lass uns mal so tun, als wenn das sicher wäre, dass wir irgendwann durch dieses Fenster hinaussteigen können. Oder noch besser, lass uns jetzt so tun, als seien wir sicher, dass wir in drei Monaten durch dieses Fenster klettern können. Und mit diesem Gedanken unseren Tag heute angehen. Denn die Hoffnung ist stark. Sie hat eine große Kraft. Wenn ich sie bei mir wachsen lasse, lässt frischen Wind in mein Leben.

„Mütend“ – dieses Kunstwort macht zurzeit die Runde. Es beschreibt, wie viele sich gerade fühlen: Müde und wütend. So geht es mir auch. Ich bin lockdowngestresst, pandemiebedrückt und mitleidsmüde. Und ich bin auch wütend über die vielen Fehler und Verstöße der vergangenen Tage. Eigentlich möchte ich aber gar nicht mütend sein. Weil ich weiß, dass Müdigkeit und Wut nichts zum Guten verändern. Wenn schon Corona nicht einfach vorbei sein kann, möchte ich wenigstens wieder zurück an den Punkt als wir gemeinsam stark waren und versucht haben füreinander da zu sein. Dafür brauche ich brauche ein Gegenüber, das mir Halt gibt, bei dem ich meine Wut ablassen und neue Kraft auftanken kann. Gott könnte das sein. Doch ich entdecke nichts Göttliches in dieser Pandemie. Wo ist sie oder er? Ist sie von uns gegangen? Hat er sich zurückgezogen?
Im Krankenhaus vergingen die Tage und Wochen. Eines Morgens, als die Schwester gerade kam, um die beiden Männer zu waschen, fand sie den Patienten am Fenster leblos vor – er war friedlich im Schlaf gestorben. Sobald es passend erschien, fragte der andere, ob er jetzt in das Bett am Fenster wechseln könnte. Die Schwester erlaubte das gerne und sobald er bequem lag, ließ sie ihn allein. Langsam und schmerzvoll stützte er sich mühevoll auf seinen Ellbogen um einen ersten Blick auf die Welt da draußen zu werfen. Doch als er sich gänzlich aufgerichtet hatte, sah er durch das Fenster nichts weiter als eine nackte Betonwand. „Alles gelogen“, dachte da der Mann enttäuscht.

Die Hoffnung hat es schwer in diesen Tagen. Wieder ein Shutdown über Ostern – was für eine Enttäuschung. Im ersten Lockdown waren wir noch mutig und voller Hoffnung. Da standen wir am offenen Fenster, haben für andere gesungen, gebetet oder geklatscht. Der Sommer schien uns recht zu geben. Doch seit November leben wir nun wieder unter massiven Einschränkungen und keiner von uns weiß sicher, wann es wieder besser werden wird.

Hoffnung ist ein Fenster. Ein Fenster in das, was sein könnte. Auch im Krankenhaus. Als der alte Mann die Krankenschwester rief, um ihr von den Schilderungen des Verstorbenen zu erzählen und davon, wie dieser ihn hinters Licht geführt hatte, antwortete diese: „Vielleicht wollte der Herr Sie bloß aufmuntern. Sie müssen wissen, dass der Mann vollkommen blind war und nicht mal die Hand vor Augen sehen konnte. Aber vielleicht,“ murmelte sie mehr zu sich selbst, „vielleicht hat er deshalb auch mehr gesehen als wir.“


„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft,
und ein Nichtzweifeln an dem,
was man nicht sieht.“
(Hebräer 11,1)

Ich bete: Gott, nicht müde und wütend will ich sein in diesen Tagen.
Mach mich wach und barmherzig – schenke mir Warmherzigkeit. Amen.

Pfarrer Tobias Crins, Pfarrverband Lelm