Ermutigungswort zu Ostern

Ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.So lasst uns nun nicht schlafen, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.
Denn Christus ist für uns gestorben, damit wir, ob wir wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben. Darum macht euch gegenseitig Mut und helft einander weiter, wie ihr es ja auch jetzt schon tut.

Thessalonicher 5,5-6.9-11

Wachen, nicht schlafen.

Wachen, weil du dich sorgst. Weil da so viel zum Grübeln ist. Weil du trauerst – um die verlorene Normalität, um einen geliebten Menschen, um deine Arbeitsstelle, um deine Träume. Weil es Tage gibt, an denen du nicht weiterweißt. Und niemand ist da, der deine Hand mal nimmt und der dich einfach eine Weile hält.

Wachen, nicht schlafen. Jetzt, zum Ende des Winters, ist es am anstrengendsten. Der graue Himmel, der Regen, der Mangel an Licht und Wärme setzt uns zu. Körperlich wie seelisch sehnen wir uns nach der Sonne. Wir sind Kinder des Lichts, schon biologisch.
Anlass zur Sorge gibt es mehr als genug. Wie geht es weiter mit der Pandemie? Wie lange werden meine Kinder, meine Familie das noch durchhalten? Werde ich gesund bleiben oder trifft es mich auch? Oder meine alten Eltern? Wann können wir zusammen sein, so wie früher? Und wie geht es weiter im Beruf? In der Gemeinde? Ach ja, das sind Momente zum Seufzen… Ein Jahr Pandemie und kein Ende in Sicht, die politische Strategie wird immer unklarer. Wir sind ungeduldig, unleidlich, unsicher.

Wie geht es weiter? So fragten auch die Menschen in Thessaloniki. 2000 Jahre ist das her. Bald wird alles anders, hatte Paulus gesagt. Dann kommt Christus zurück, diesmal endgültig, und all unsere Sorge, ja selbst der Tod ist besiegt.
Das Ende der Welt – für Paulus und seine Leute kein Schreckensszenario, sondern ein Lichtblick. Dann wird unser Leid zu Ende sein. Dann gibt es nur noch Gerechtigkeit und Leben und Freude. Dann ist Gott da und nimmt mich in die Arme.

Sie hatten allen Grund, ungeduldig zu sein. Christsein war in den ersten Tagen kein Zuckerschlecken, und in vielen Ländern, auch in manchen unserer Partnerkirchen, erleben Christen es heute noch: wer sich für Christus entscheidet, lebt gefährlich. Du fällst aus deiner Familie, die ja noch anders glaubt. Du fällst auch aus deinem sozialen Netz. Du stehst plötzlich allein da. Vielleicht verlierst du deine Arbeit, weil du dem Gott deines Arbeitgebers kein Opfer mehr bringen willst. Vielleicht wirst du verhaftet, geschlagen und ins Gefängnis geworfen, weil dein Glaube als Verbrechen gilt. Dann hast du nur noch deine Gemeinde als Anker. Und sie verspricht dir: du bist nicht allein. Wenn es dir schlecht geht, wir sind für dich da. Wir versorgen dich mit Essen, mit Pflege, bis du eine neue Arbeit gefunden hast. Wir besuchen dich im Gefängnis. „ Macht euch gegenseitig Mut und helft einander weiter, wie ihr es ja auch jetzt schon tut.“, sagt Paulus.

Schön und gut, aber wann ist das vorbei? – fragen die Christen in Thessaloniki. Wann können wir im Tageslicht Christen sein, ja wann sonnen wir uns im Reich Gottes in seinem Licht? Wann ist es soweit? Die einen waren überzeugt: Der Anbruch des Gottesreichs, der steht kurz bevor! Seht doch auf die Zeichen! Die anderen hoben die Schultern und sagten: Ich weiß nicht so recht. Nun sind sogar einige schon gestorben und haben es nicht mehr erlebt. Gottes Herrschaft auf Erden – ja, das ist unsere Hoffnung. Aber wie lange zieht es sich hin?

Paulus schreibt der Gemeinde einen Brief. Und einer liest vor und sagt: Wachen, nicht schlafen. Nüchtern sein. Paulus gibt uns einen Stups, er schreibt: Wisst ihr noch? Könnt ihr euch erinnern, wie stark und zuversichtlich euer Glauben immer war? Wie tröstlich und warm die Gemeinschaft ist, die ihr untereinander verspürt?
Ihr wisst doch genau, schreibt Paulus, der Tag des Herrn, der kommt so unerwartet wie ein Dieb in der Nacht. Gerade dann, wenn ihr ihn am wenigsten erwartet. Aber er kommt. Seid bereit. Lasst über den Sorgen dieser Welt eure Seele nicht im Stich. Haltet die Verbindung zu Gott und haltet miteinander durch. Dann seid ihr bereit, wenn es so weit ist.

Und ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Versteckt euch nicht. Seid mutig und zeigt euch. Ihr habt einen Schutz: den Panzer des Glaubens und der Liebe und den Helm der Hoffnung auf das Heil.
Das ist ein innerer Panzer, eine innere Stärke: Glaube, Liebe, Hoffnung. Macht euch gegenseitig Mut mit eurem Glauben, eurer Liebe, eurer Hoffnung. Und je länger es dauert: Tut das umso mehr.

Wir sind als Kirche im Lockdown im Frühjahr 2020 scharf kritisiert worden –
Warum sind die Kirchen zu? Brauchen wir nicht gerade jetzt die Gottesdienste zum Trost?
Warum habt ihr euch so bereitwillig zurückgezogen? Wo seid ihr gewesen?

Wir sind da, wo Menschen uns brauchen. Nicht die Pfarrerinnen und Pfarrer in öffentlichkeitswirksamen Großveranstaltungen. Sondern die Gemeinschaft der Gemeinde. Eher still.
Wir haben Einkaufsdienste angeboten, Impfpaten gestellt und mit Briefen und Telefon, mit Essenspaketen und Notprogrammen geholfen.
Wir sind in den Krankenhäusern, wir sind an den Totenbetten. Wir sind an der Seite der einsamen Senioren und der Eltern, die homeoffice und homeschooling an den Rand der Erschöpfung bringt.
Darum macht euch gegenseitig Mut und helft einander weiter, wie ihr es ja auch jetzt schon tut.

Wir fragen wie Paulus, wie die Menschen in Thessaloniki: Wie lange dauert das jetzt noch? Und meinen dabei die Coronakrise. Wir sehnen uns nach Normalität und richten uns doch auf eine lange Durststrecke ein.

Wir haben nüchtern die Lage angeschaut und verantwortungsvoll NEIN gesagt: wir haben unsere Menschen zu ihrem eigenen Schutz ferngehalten, haben die Gemeindehäuser geschlossen und die Veranstaltungen abgesagt und tun es jetzt wieder und weiter.
ABER: Unsere Kirchen sind offen für ein Gebet. Unsere Gottesdienste finden statt. Und wir sind als Gemeinde füreinander da, hinter den Kulissen.
Wir verlieren nicht den Mut. Was auch kommt, wir sind da, Gott ist da. Gottes Reich schimmert durch, in jedem Zeichen der Liebe, des Glaubens, der Hoffnung.

Für uns ist aus der Naherwartung eines Paulus die Freude von Ostern geworden. In der anstehenden Osterzeit, aber auch an jedem Grab erinnern wir uns daran, dass der Tod nicht mehr das letzte Wort über unser Leben hat. Dass Gott am Ende ein gutes Wort für uns hat, ein Wort der Vergebung, ein Wort des Lebens. Sein Licht scheint in die Finsternis unserer Nöte und richtet uns auf.
Darum sind wir Kinder des Lichts und des Tages, aber es ist nicht das grelle Licht der Öffentlichkeit, sondern das dezente Licht der Liebe. Dieses Licht wird uns weiter leuchten durch die Dunkelheit, bis sein Tag anbricht und wir zusammen mit unserem Herrn leben.

Ihre Stephanie Gupta
Pfarrerin in Volkmarode/Dibbesdorf