Ermutigungswort für den Sonntag Okuli – 7. März 2021

Es gibt Zeiten in meinem Leben, da weiß ich nicht, wie es weitergeht. Muss ich jetzt links oder rechts oder doch weiter geradeaus? Kehre ich um und versuche einen neuen Weg? Dann fühle ich mich, als ob ich vor so einem Schilderwust wie auf dem Bild stehe. Die Pfeile zeigen in alle Richtungen. Sie widersprechen sich. Welcher ist der richtige? Wer hat recht? Ich bin verwirrt. Kein Pfeil ist deutlicher gezeichnet als die anderen. Keiner ist größer oder kleiner. Keiner hervorgehoben. Die Frage bleibt: Für welchen Weg soll ich mich entscheiden?

Dabei geht es meist um mehr, als die richtige Straße wiederzufinden, wenn ich mich verfahren habe. Zum Beispiel: Wage ich die Umschulung oder arbeite ich mit dem Altbekannten weiter? Ziehen wir in ein altersgerechtes neues Heim oder bleiben wir in unserem vertrauten, aber mit Hindernissen besetzten Zuhause? Jeder und jede von uns hat seine und ihre eigenen Fragen.

Gerade jetzt in der Pandemiezeit (der Beginn des 1. Lockdowns ist jetzt ein Kirchenjahr her!) habe ich oft den Eindruck, vor einem solchen Schilderbaum zu stehen. Der eine Fachmann sagt so, die andere Fachfrau so. Worauf soll ich mich einstellen? Über dem Ganzen scheint sich alles nur im Kreis zu drehen. Ich weiß dass viele über 80-Jährige sich so ratlos vorkamen, als sie versuchten, sich in endlosen Telefonschleifen oder online (wenn sie überhaupt die Möglichkeiten dazu hatten), sich einen Impftermin zu besorgen oder auch nur auf die Warteliste setzen zu lassen. Ich kann mir vorstellen, dass viele Geschäftsinhaber und Angestellte, auch vor solchen Schilderbäumen stehen, wenn Sie vor Entscheidungen stehen, wie es weiter gehen soll.

Immer wieder merke ich dabei: Allein komme ich nicht weiter. Ich brauche jemand anderen, der oder die mir den Weg zeigt, Klarheit hat. Der größer ist als alle sich widersprechenden Richtungsangaben.

Mit der äußeren Orientierungslosigkeit kommt oft genug auch das Innere ins Wanken. Viele werden mut- und antriebslos, andere drehen über oder geraten außer sich. Da ist es wichtig, sich auch innerlich zu orientieren.

Eine gute Idee, sich in dieser Zeit seines Glaubens bewusst zu werden, darauf zu achten, worauf man vertraut. In der Bibel, oder sei es auch nur die Losung zu lesen, ins Gebet zu gehen, das eine oder andere wichtig gewordene Lied zu hören oder vor sich her zu singen. Unser Inneres braucht in dieser Zeit Stärkung und Orientierung.

Ahmt Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat …“ heißt es in einer Lesung zu diesem Sonntag (Eph. 5,1+8). „… Denn ihr wart früher Finsternis, nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.“  Der Mensch lernt von klein auf, indem er beobachtet und imitiert. Warum nicht auch von Gott so lernen? – Er hat uns geschaffen, weiß also, wie Menschlichkeit gemeint ist. Er ist selber Mensch geworden, weiß also, was Mensch-Sein bedeutet. In Christus wurde deutlich, was Mensch-Sein, was Liebe bedeutet. Werden wir darin Gottes Nachahmer – nicht verkrampft, als müssten wir anderen oder Gott etwas beweisen. Sondern wie sich im Frühling nun ganz natürlich die Blumen dem Licht entgegenstrecken, sich Gottes Liebe entgegenstrecken. So, wie wir uns jetzt bei dem wärmer werdenden Wetter nach draußen in die Sonne treiben lassen, uns auch zu Gott hinziehen lassen. Unsere Seele braucht das gerade in orientierungsloser Zeit.

Freilich werden wir Gott oder Christus nicht vollständig nachahmen können, aber wir brauchen uns nicht entmutigen zu lassen, denn wir sind „Licht in dem Herrn“. Wir können weiter diesen Weg gehen, denn Gott geht mit uns.

Auf dem Bild steht der Pfahl mit den vielen Schildern nicht fest in der Erde. Ein Mann hat ihn sich auf die Schulter gelegt und trägt ihn fort. An seinen Wanderhut hat er eine Blume gesteckt. Fröhlich geht er seinen Weg. Seine Augen sind nach vorne gerichtet. Einen Wegweiser braucht er nicht. Er weiß, wohin er will. Er kennt das Ziel.

„Okuli“ heißt dieser Sonntag in der Passionszeit. Das heißt übersetzt „Augen“. Die Sonntage vor Ostern wurden nach Versen aus den Psalmen benannt. Der für diesen Sonntag lautet: „Unsere Augen sehen stets auf den Herren.

Ich höre das als Angebot: Ich kann auf Gott schauen. Er kennt den Weg. Er ist größer als meine Widersprüche. Und er holt mich zurück, wenn ich mich verlaufen habe. Ihm will ich mich anvertrauen.

Lothar Voges, Pfarrer für Bienrode – Bechtsbüttel
und Hordorf-Esshof-Wendhausen im Pfarrverband Schunter

 

 

Lass mich, solang ich hier soll leben, in gut und bösen Tagen sein vergnügt und deinen Willen mich ergeben, der mir zum Besten alles weislich fügt; gib Furcht und Demut, wann du mich beglückst, Geduld und Trost, wann du mir Trübsal schickst.
(EG 414,3)