Ermutigungswort für den Sonntag Invokavit, erster Sonntag der Fastenzeit 21. Februar 2021

Einfallsreich Fasten. Ein Küchengespräch mit Jesus
Liebe Leserin, lieber Leser,
es war spät am Abend. Ich war gerade dabei, letzte Handgriffe in der Küche zu machen, als Jesus hereinkam.
Das ist ungewöhnlich.
Normalerweise sitzt der Heiland schon da, wenn ich abends in der Küche nochmal nach dem Rechten sehe. Jesus grüßt müde, lässt sich auf einen Küchenstuhl fallen und seufzt.
„Schweren Tag gehabt?“, frage ich.
„Kann man so sagen“, murmelt Jesus: „Musste die Welt retten. Ein Glas Wein wär jetzt nicht schlecht. Hast Du eine Flasche offen?“
Ich schaue ihn verdutzt an. „Aber Herr“, sage ich, „es ist doch Fastenzeit!“
„Bleib mir weg mit der Fastenzeit!“, brummt der Heiland. „Nichts als Ärger habe ich damit!“
Ich blinzle: „Wie das, Herr? Du hast doch die Fastenzeit gewissermaßen erfunden!“
„Eben drum!“, sagt Jesus. „Seit Tagen muss ich mir im Himmel anhören, dass ihr Christen nicht richtig fastet. Mohammed lässt keine Gelegenheit aus, mich damit aufzuziehen.“
„Mohammed ist bei dir im Himmel?“, frage ich.
„Ja, wo denn sonst?“, entgegnet Jesus. „Neulich kam er zusammen mit Mose bei mir vorbei. Die beiden ärgern mich gerne damit, dass meine Anhänger nicht richtig fasten und dass die Christen den Sinn der Passionszeit nicht verstehen. Mose meint, das sei ein Ausdruck meiner Führungsschwäche. Er würde ja ganz anders durchgreifen. Und Mohammed hat mich zu seinem Führungskräfte-Seminar eingeladen, das er regelmäßig für die Erzengel anbietet. Ich könnte da echt was lernen. Seine Anhänger seien fastenmäßig voll auf Kurs.“
Jesus seufzt.
„Aber Herr!“, widerspreche ich. „Die Christen fasten wie die Weltmeister! Sie fasten Schokolade, Alkohol, Handys…“
„Na, toll!“, unterbricht mich Jesus. „Ihr verzichtet auf Sachen, die euch sowieso schaden! Und dann diese Selbststeigerungsrhetorik eurer Fastenaktionen: Sieben Wochen ‚ohne Blockaden, sieben Wochen ‚bewusster leben? Für euch scheint Fasten nur noch eine Form von Selbstvervollkommnung zu sein, eine religiöse Überhöhung eurer Konsumkultur!“
„Aber Herr“, wende ich ein, „durch solche Fastenaktionen haben viele Christen die Passionszeit wieder für sich entdeckt!“
Entdeckt , sagst du?“, donnert Jesus. „ Ersetzt , müsstest Du sagen! Ihr habt die Zeit der Besinnung auf meine Passion ersetzt durch ein vorübergehendes Verzichtsritual zur Steigerung eurer Wohlfühlreligion!“„Jetzt ist aber auch mal gut, Jesus!“, gebe ich zurück. „Sieh doch, wie die Menschen unter Corona leiden! Kontaktverbote, Lockdown, Einsamkeit. Denk an die Alten in den Pflegeheimen! Denk an die Jungen, die um ihren Job bangen! Denk an die Kinder in armen Familien! Denk an all das, worauf die Menschen in dieser Zeit verzichten müssen, und sag dann noch mal, dass wir nicht wüssten, was Fasten heißt!“
„Wisst ihr auch nicht.“ „Wie bitte?!“ „Ihr wisst nicht, wie man fastet, solange ihr Fasten als Verzichten versteht.“„Sagt ausgerechnet derjenige, der vierzig Tag und Nächte in der Wüste gefastet hat!“Jesus zieht eine Augenbraue hoch: „Danke, meine Tochter, dass du mich daran erinnerst! Weißt du denn auch, was ich damals dem Versucher entgegenhielt, als er mir empfahl, aus Steinen Brot zu machen?“
„Ja, Herr, du sagtest: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht .“
„Ja, genau so sprach ich.“
„Und?“
„Was, und ?“
„Was willst du mir damit sagen?“
„Ich will dir damit sagen, was Fasten heißt.“
„Nun spann mich nicht auf die Folter, Herr! Was heißt Fasten?“
„Fasten heißt: die Ohren zu spitzen, die Antennen auf Empfang zu stellen, die Aufmerksamkeit zu trainieren und wieder neu zu hören, was Gott sagt, mit neuer Spannung darauf zu achten, wie er sich meldet, neu zu entdecken, was sein Wort ist! Das heißt Fasten .“ „Und was sagt Gott?“, frage ich. Jesus grinst: „Gut, dass du fragst. Gott sagt das, was er immer sagt. Ihr vergesst es nur ständig. Er sagt: ‚Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit. Kannst Du nachlesen bei Jesaja 41,10.“
„Und was bedeutet das für die Fastenzeit?“, hake ich nach.
„Es bedeutet“, sagt Jesus, „dass Gott euch begleitet in den schönen Zeiten eures Lebens, aber auch und vor allem in den schlechten Zeiten! Ihr denkt: ‚Ach weh, wir haben eine Corona-Pandemie, Gott ist fern! Aber das Gegenteil ist wahr. Gott ist euch ganz nah; er ist bei den Alten, den Jungen und den Kindern, gerade in dieser Zeit. Ihr müsst ihn nur entdecken. Wie wäre es, wenn ihr die Fastenzeit dazu nutzt? Entdeckt die Fastenzeit als Passionszeit wieder als die Zeit, in der sich Gott mit euch Menschen durch mich im Leiden verbündet. Euer Leid trennt euch nicht von Gott. Im Gegenteil: Durch mich seid ihr im Leiden mit Gott verbunden. Entdecke Gottes Nähe wieder neu: für dich selbst und für andere. Mache sie auch für andere erfahrbar. Dafür ist die Fastenzeit da.“ „Okay, Herr“, sage ich. „Aber wie soll ich das machen?“
„Gib den Einsamen Zeichen der Nähe, den Traurigen Zeichen des Trostes, den Verzweifelten Zeichen der Hoffnung. Ich bin mir sicher, dass dir einfällt, was du tun kannst. Vor allem aber: tränke die Durstigen!“ Jesus blickt mich mit großen Augen an.
„Soso, du meinst vermutlich gerade den Durstigen?“
Jesus nickt. „Aber Herr, es ist doch Fastenzeit, ich habe keinen Wein!“ „O meine Tochter, hast du denn gar nichts verstanden!?“, ruft Jesus. „Doch, Herr!“, antworte ich. „Aber ich wollte dich ein bisschen ärgern. Ich habe keinen Wein … offen. Aber im Keller. Wie wäre es, wenn ich den hole? Zum Zeichen, dass Gott ganz nahe herbeigekommen ist?“
„Amen“, sagt Jesus.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, dass Sie in dieser Fastenzeit den Sinn der Passion Jesu für sich entdecken: Gott ist nahe, nicht nur in der Freude, sondern auch im Leid. Bleiben Sie ihm auf der Spur, im Genießen und im Fasten! Vor allem aber: finden Sie heraus, wie Sie auch anderen zeigen können, wie nahe Gott ist. Bestimmt fällt Ihnen was ein. Also: Fasten Sie einfallsreich! Damit die Hoffnung wächst, und der Glaube und die Liebe auch und gerade in dieser Corona-Zeit.
Ihre Pfarrerin Christine Heuser
Pfarrerin der Kirchengemeinden Weddel und Schapen der Propstei Königslutter