Ermutigungswort 15. November

Es ist Herbst geworden, in der Natur ist das deutlich sichtbar. Seit der Zeitumstellung Ende Oktober wird es schon nachmittags dunkel. Die Tage sind kurz, die Nächte lang. Der Kastanienbaum vor meinem Fenster hat seine Blätter und Früchte abgeworfen. Welk und braun verströmen sie den typisch herbstlich modrigen Geruch nach Erde und Vergänglichkeit. Der Stamm und die Äste sehen kahl und leer aus. Und so spielt sich vor unseren Augen etwas ab, das uns auf den Tod hinzuweisen scheint, und wie er dem Leben ein Ende setzt. Die Gedenktage in dieser Zeit weisen in dieselbe Richtung. Am Volkstrauertag, den wir dieses Wochenende begehen, gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewalt.

Novembertage – oftmals kommen sie uns grau, neblig, düster vor. Darum fällt bei vielen Menschen die Stimmung auf den Tiefpunkt. Der erneute Teillockdown und die steigenden Infektionszahlen verdüstern die Stimmung weiter. Keine Feiern mehr, nur noch Treffen mit zwei Haushalten in kleiner Runde, kein Sport, kein Kino, keine Konzerte, kein Cafe Besuch. Herbststimmung. Ja, das Leben in dieser Pandemiesituation ist anstrengend und stellt uns immer wieder vor viele Herausforderungen: Wie gehe ich mit der Angst vor Ansteckung um? Mit den Sorgen um besonders gefährdete Angehörige? Wie bewältige ich den Alltag mit Homeoffice oder der erneuten Angst um meine wirtschaftliche Existenz? Wie geht es mir, wenn ich keinen Besuch mehr bekomme? Die meisten Menschen reagieren sehr besonnen, halten sich an „AHA“, an Abstand, Hygiene und Alltagsmasken, und haben ihre Lebensgewohnheiten angepasst. Denn sie wissen: die Beachtung der Corona Regelungen ist sinnvoll und schützt Leben und Gesundheit. Aber manchmal gibt es so Momente, da scheint einfach alles nur düster. Da ist die Ungewissheit, wie lange das noch geht, nur noch nervig. Das ständige Überlegen „Was ist erlaubt und was geht nicht?“ ist kräftezehrend.

Ich bin vor ein paar Tagen auf ein kleines Mut machendes Gedicht von Hilde Domin gestoßen. Sie schreibt: “Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst.“ Und wenn ich genau hinschaue, dann entdecke ich: Das stimmt. Jenseits des vordergründigen Augenscheins gibt es noch etwas anderes. Es lohnt sich genauer hinzuschauen. Dann erkennt man selbst dort, wo das Leben wie erstorben scheint, einen Hinweis, dass Neues wächst, dass es weitergeht, dass es im Leben auch wieder helle, unbeschwerte und fröhliche und blühende Zeiten geben wird.

Im Herbst: Knospen unter den fallenden Blättern. Die Blätter sind in den Knospen eingeschlossen wie ein Kind im Mutterleib. Unter dem, was welkt, ist schon das zukünftige Leben verborgen. Noch ins es nicht ans Licht gekommen. Und doch ist es schon da. Die Knospen an den Sträuchern und Bäumen sind für mich Hoffnungszeichen. Solche Bilder können helfen, den Herbstblues zu bewältigen. Mir schenken auch Glaubensgeschichten neue Hoffnung und Zuversicht. Schon immer haben Menschen dunkle und angstbesetzte Zeiten der Verzagtheit und der Ungewißheit erlebt. Und sie machten dabei die tröstende Erfahrung, dass Gott gerade in schwerer Zeit bei ihnen ist. So spricht der Beter des Psalms 18,29: „Der Herr, mein Gott, macht meine Finsternis licht.“ Dieses Gottvertrauen gab den Bedrängten und Müden neue Kraft, leuchtete auch in ihre dunklen Stunden hinein und erhellte sie.

Ich möchte Sie ermutigen, gerade in diesen dunklen Tagen, auch die lichtvollen Zeichen zu sehen. Dabei hilft das Vertrauen, dass Gott bei uns ist, dass er uns die Kraft gibt, diese Zeit auszuhalten und dass er uns Vernunft gibt, um verantwortlich und solidarisch zu handeln. Möge uns diese Hoffnung in diesem November begleiten und uns zuversichtlich durch die dunklen Herbsttage und den Lockdown kommen lassen.

Ute Meerheimb, Pfarrerin der Stadtkirche Königslutter