„Bach appassionato“ zum Sonntag Palmarum am 28. März 2021

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
wir nähern uns dem Ende der Passionszeit – meine Wahl für den Sonntag Palmarum ist auf die Bach-Kantate „Himmelskönig, sei willkommen“ BWV 182 gefallen, die für diesen Sonntag bestimmt ist.
In Johann Sebastian Bachs Lebensgeschichte kommt dieser Kantate eine besondere Bedeutung zu. Sie entstand in seiner Weimarer Zeit und steht in engem Zusammenhang mit seiner Ernennung zum Hofkonzertmeister am 2. März 1714. Mit der Übernahme dieses Amtes – zusätzlich zu seiner seit 1708 ausgeübten Tätigkeit als Hoforganist und Kammermusiker – zählte die regelmäßige Komposition und Aufführung von Kantaten erstmals zu seinen Pflichten. Einmal im Monat standen sie ab diesem Zeitpunkt im Hofgottesdienst auf dem Programm. Rund 30 Kantaten dürften bis Ende 1716 entstanden sein, von denen etwa 20 erhalten sind.
„Himmelkönig, sei willkommen“ wurde am Palmsonntag des Jahres 1714 (25. März) in der Weimarer Schlosskapelle uraufgeführt. In diesem Jahr fiel der Palmsonntag mit dem unbeweglichen Fest Mariae Verkündigung zusammen. Dementsprechend knüpft der Kantatentext, der vermutlich größtenteils vom Weimarer Hofdichter Salomon Franck stammt, teilweise an die Perikopen beider Feste an; im Zentrum steht aber der Einzug Jesu nach Jerusalem und die Aufforderung an den gläubigen Christen, dem Gottessohn aus Dankbarkeit für dessen Opfer sein Herz zu widmen. Demnach wird der Einzug Jesu in Jerusalem als König mit dem Einzug Jesu in die Herzen der Gläubigen in Verbindung gebracht. Als weitere Text-­ und Liedvorlagen sind nachweisbar Psalm 40, 8­+9 (3. Satz) sowie die 33. Strophe aus “Jesu Leiden, Pein und Tod” von Paul Stockmann (Satz 7). Bach scheint die Kantate bereits in Weimar wiederaufgeführt zu haben, sodann mehrfach und mit teilweise einschneidenden Veränderungen der Besetzung in Leipzig (1724 und um 1728).
Die Besetzung des Werkes ist für den frühen Bach typisch, da sie entgegen der frühbarocken Praxis der chörigen Orchestrierung auch individuelle, solistisch besetzte Instrumente einander gegenüber stellt. Hier spürt man, dass Bach sich mit den modernen Formen Italiens beschäftigte, die Prägung durch Antonio Vivaldi ist unüberhörbar. So finden sich neben Anklängen an die konzertierende Praxis speziell im Stil von Vivaldi auch schon Da-capo-Arien. Der kleine Raum der Weimarer Schlosskapelle ist ohnehin nur für eine kleine Besetzung geeignet gewesen.
Heute erwartet Sie ein Mitschnitt aus der Stuttgarter Stiftskirche vom 22. Oktober 2020. Die Aufführung fand statt unter Beachtung der Bestimmungen des Landes Baden-Württemberg für Veranstaltungen (große Abstände zwischen den Musiker*innen, Plexiglas-Rollups vor den Sänger*innen, sehr begrenzte Zahl von zugelassenen Besucher*innen) im Rahmen des Zyklus’ Bach:vokal. Es singen und musizieren Elvira Bill (Alt), Philipp Nicklaus (Tenor), Christian Wagner (Bass), das solistenensemble stimmkunst und das Stiftsbarock Stuttgart unter der Leitung von Kay Johannsen.

Ihnen allen einen schönen Sonntag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler