„Bach appassionato“ zum Sonntag Okuli am 7. März 2020

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
für den Sonntag Okuli („Augen“, nach Psalm 25, 15: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn) habe ich die Bach-Kantate „Widerstehe doch der Sünde“ BWV 54 ausgewählt, die heute zu den beliebtesten Solokantaten von Johann Sebastian Bach zählt.
Der kurze, nur drei Sätze umfassende Text stammt aus einer Sammlung von Kantatentexten des Darmstädter Hofpoeten Georg Christian Lehms aus dem Jahre 1711 und warnt in drastischen Worten davor, dass kein Sünder das Reich Gottes erben wird. Es ist sicher kein Zufall, dass Bach diesen Text einer Altstimme zugewiesen hat, die damals oft als Symbol für den reuigen Sünder verstanden wurde.
Die Kantate stammt aus Bachs Weimarer Zeit und ist nur in einer Partiturreinschrift von Johann Gottfried Walther (Notentext) und Johann Tobias Krebs (Vokaltext) erhalten geblieben. Sie ist zwar im Textdruck von Lehms dem Sonntag Okuli zugewiesen, kann aber ohne Weiteres auch bei anderen Gelegenheiten im Kirchenjahr gesungen werden.
An Instrumenten werden nur Streicher und Continuo gefordert. Für Bach dürfte es eine große Herausforderung gewesen sein, innerhalb dieses bescheidenen Rahmens ein Spannungsfeld zu schaffen, das den Hörer fesselt. Anregen ließ sich der Thomaskantor offenbar durch den im Rezitativ dargelegten Doppelcharakter der Sünde, die „von außen eben wunderschön, von innen aber tödlich und ein Werk des Teufels“ genannt wird.
Die Eingangsarie malt die verlockende Schönheit der Sünde, während zugleich der Einsatz mit einem dissonanten Akkord zum Widerstand aufruft. Auch der Mittelteil der Arie ist voller harmonischer Kühnheiten, von denen besonders der zweimalige Trugschluss zur Schilderung des „Fluchs, der tödlich ist“, seine Wirkung auf den Hörer nicht verfehlt. Im folgenden Rezitativ schafft Bach es durch die Auswahl der Harmonien, auf die Worte „ein leerer Schatten und übertünchtes Grab“ diese Leere hörbar zu machen. Der ariose Schluss des Rezitativs erhält seinen Sinn durch die Textbezogenheit der raschen Continuoläufe, die das scharfe Schwert, das durch Leib und Seele fährt, abbildet. In der abschließenden Arie wird die trügerische Schönheit der Sünde als wahrhaft verwerflich, aber auch als besiegbar enthüllt. Die Sünde ist eine Gabe des Teufels, aber – so der Kantatendichter: Man ist ihr nicht hilflos ausgeliefert, sondern man kann ihr „mit rechter Andacht“ widerstehen, so dass der Versucher die Flucht ergreift.
Unser heutiger Mitschnitt kommt aus Kattowitz – der Countertenor Kai Wessel musizierte die Kantate am 5. September 2013 mit dem Orkiestra Historyczna:

Ihnen allen einen schönen Sonntag mit herzlichen Urlaubsgrüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler