„Bach appassionato“ zum Ostersonntag am 4. April 2021

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kirchenmusik,
für die letzte Ausgabe der Reihe „Bach appassionato“ erwartet Sie heute nicht nur eine Bach-Kantate, sondern auch ein großartiges Chorwerk eines namhaften Kollegen. Doch zunächst zu Johann Sebastian Bach: „Christ lag in Todesbanden“ BWV 4 zählt nicht nur zu seinen bekanntesten Kantaten, sie ist auch sein frühestes Osterwerk, vermutlich entstanden um 1707/1708.
Den Text bildet das Osterlied von Martin Luther von 1524, eine freie Nachdichtung der lateinischen Sequenz „Victimae paschali laudes“ in Anlehnung an das alte Lied „Christ ist erstanden“. Bachs Komposition folgt dem Prinzip der Choralvariation, indem jede der sieben Strophen des Lutherliedes einem Kantatensatz entspricht und die Choralmelodie auf jeweils verschiedene Arten verarbeitet wird. Vorbereitet wird diese Abfolge von Arien – eingerahmt von einem Eingangschor und einem Schlusschoral – durch eine Sinfonia, in der die Anfangszeile des Chorals bereits anklingt.
Vorbild für Bachs Kantate könnte Johann Pachelbels gleichnamige Osterkantate gewesen sein, die ebenfalls alle Strophen des Lutherliedes als Text verwendet und auffallende Parallelen zu Bachs Kantate aufweist. Dass Bach auch Jahrzehnte später von den Qualitäten seiner Kantate noch überzeugt war, zeigt die Übernahme des Stückes in seinen Choralkantaten-Jahrgang, mit dem die Kantate bis in seine letzten Lebensjahre und über seinen Tod hinaus immer wieder auch in den Leipziger Kirchen erklungen ist.
Unser heutiger Konzertmitschnitt beinhaltet auch noch ein weiteres Chorwerk, das ich Ihnen gerne noch empfehlen möchte. Es ist kaum vorstellbar, dass sich Johann Sebastian Bach, geboren 1685 in Eisenach, und Georg Friedrich Händel, geboren im selben Jahr in Halle, zeitlebens nie begegnet sind – auch wenn Paul Barz in seinem wunderbaren Theaterstück einmal eine „Mögliche Begegnung“ herbeigeführt hat. Die Biographien beider Musiker waren zu unterschiedlich: Bach blieb in Sachsen, Händel verschlug es über Italien nach England – er war sicherlich der erste Europäer der Musikgeschichte.
In Rom entstand als eines der ersten Werke, mit denen der deutsche Protestant sich und seine Kunst bei Kardinälen und Patriziern einführte, das prachtvolle „Dixit Dominus“, die Vertonung des 110. Psalms. Georg Friedrich Händel, 22 Jahre jung, war erst drei Monate in der Ewigen Stadt, als er einen ehrenvollen Auftrag erhielt: Zum Namenstag des spanischen Königs Philipp V., der in Frascati bei Rom gefeiert wurde, sollte er den Eingangspsalm für den Abendgottesdienst festlich vertonen. So entstand das etwa halbstündige „Dixit Dominus“ HWV 232. Zwei Themenkomplexe behandelt Händel hier musikalisch: die Treue-Zusage Gottes an seine Anhänger und die Beschreibung Gottes als Krieger; Händel unterteilt den Psalm in neun Abschnitte und variiert dabei die Besetzung, insgesamt setzt er fünf Gesangssolisten mit fünfstimmigem Chor und Orchester ein.
Unter den Psalmvertonungen Händels sticht „Dixit Dominus“ deutlich heraus, kein anderes Werk verfügt über eine so starke dramatische Expressivität und Vielgestaltigkeit. Im Gegensatz zur protestantischen geistlichen Musik jener Zeit ist Händels Werk nicht in sich gekehrt, sondern ganz im Rausch der katholischen Gegenreformation und wartet mit opernhafter Theatralik und atemberaubenden Wendungen auf. Händel mobilisiert alle Künste musikalischer Charakterisierung, von der direkten Lautmalerei bis zur feinen Symbolik, alle Ausdrucksformen von der innigen und virtuosen Arie bis zum majestätischen und kunstvoll durchwirkten Chorsatz. Hier zeigt sich der spätere Oratorienkomponist in jugendlichem Elan und erstaunlicher Souveränität – ein Meisterwerk!
Im Jahr 2014 feierte der von Sir John Eliot Gardiner gegründete Monteverdi Choir sein 50-jähriges Jubiläum – auf dem Programm des Konzertes, das am 22. Juni in der Königlichen Kapelle des Versailler Schlosses mit den English Baroque Soloists stattfand, standen die beiden vorgestellten Werke sowie die Motette „In convertendo“ von Jean-Philippe Rameau:

Für alle, die noch mehr zu Bachs Kantate erfahren möchten, folgen hier noch zwei Empfehlungen – eine Kurzeinführung mit Sir John Eliot Gardiner in englischer Sprache ist hier zu sehen:

Im Rahmen der Weimarer Bachkantaten-Akademie 2015 fand am 16. August in der Bachkirche Arnstadt ein Gesprächskonzert mit Helmuth Rilling statt. Die Mitwirkenden sind Julia-Sophie Wagner (Sopran), Lidia Vinyes-Curtis (Alt), Nicholas Phan (Tenor), Tobias Berndt (Bariton) und die Ensembles der Bachkantaten-Akademie:

Zum Schluss dieser Reihe noch zwei Anmerkungen: Falls Sie gestern keine Gelegenheit hatten, unseren NDR-Radiogottesdienst aus dem Kaiserdom zu hören, haben Sie mit dem folgenden Link hierzu noch Gelegenheit:
www.ndr.de/kirche/radiogottesdienste/index.html
Gerne erinnere ich noch einmal an unsere Spendenaktion für unsere selbständigen und freiberuflichen Musiker*innen, die ersten Beträge haben uns bereits erreicht. Wenn Sie unsere Aktion noch unterstützen möchten, bitten wir Sie um Ihren Beitrag bis zum 15. April:
Freundeskreis Propsteikantorei Königslutter Verwendungszweck: *Corona-Hilfe für Musiker* Volksbank Wolfenbüttel-Salzgitter
IBAN: DE61 2709 2555 5022 9656 00
Ihre Spenden werden schnell und unbürokratisch an die Künstler*innen weitergeleitet, die durch unsere Konzertabsagen betroffen sind. Wir freuen uns über Ihre Unterstützung – jeder Betrag hilft! Spendenquittungen werden ab einem Betrag von 50,00 Euro ausgestellt, und im Laufe des Monats werden wir Sie auch über das Endergebnis unserer Spendenaktion informieren.
Die Reihe „Musik in schwierigen Zeiten“, die mittlerweile auf die 160. Folge zusteuert, wird weiterhin fortgesetzt und auf dieser Website veröffentlicht.
Ihnen allen wünsche ich ein gesegnetes Osterfest – bleiben Sie gesund und behütet!
Matthias Wengler