Neue Reihe „Bach appassionato“, 1. Ausgabe zum Sonntag Invocavit

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
mit dem Aschermittwoch hat in dieser Woche zugleich auch die Passionszeit begonnen. Übersetzt man Passionszeit mit Leidenszeit, dauert diese mit Blick auf die vergangenen Monate gefühlt für uns alle schon viel länger. Bis zum Osterfest möchte ich versuchen, die Passionszeit musikalisch noch einmal anders zu bedenken. Das Wort Passion taucht auch in dem Begriff „appassionato“ auf – und so soll die neue Reihe „Bach appassionato“ die Wartezeit auf Musik, die in unseren Gottesdiensten momentan auch beinahe verstummt, mit ausgewählten Bach-Kantaten verkürzen. „Bach appassionato“ läuft zusätzlich zur Reihe „Musik in schwierigen Zeiten“, die mittlerweile kurz vor der 140. Ausgabe angekommen ist und nach wie vor auf den bekannten Websites (u. a. www.propstei-koenigslutter.de) veröffentlicht wird.
Die Advents- und die Fastenzeit waren die Zeiten, in denen Johann Sebastian Bach etwas weniger als sonst zu tun hatte; im übrigen Kirchenjahr musste er für jeden Sonn- und Feiertag eine eigene Kantate komponieren und diese dann auch gleich zweimal aufführen: Vormittags in der einen, nachmittags in der anderen Leipziger Stadtkirche. Sowohl die Advents- als auch die Passionszeit galt als „tempora clausa“, also als geschlossene oder stille Zeit. Zwischen dem Sonntag Invocavit („Er hat gerufen“) und dem Karsamstag wurde in den Gottesdiensten keine Kantate aufgeführt. Dennoch gibt es genügend Kantaten, die inhaltlich sehr gut in die Passionszeit passen. So soll mit diesem Format aus der vermeintlich „stillen“ Zeit eine klingende, tröstende und stärkende Zeit für uns alle werden. Lassen Sie sich gerne von dieser Musik begeistern – zukünftig also jeden Sonntag bis zum Osterfest mit „Bach appassionato“.

Bei der Kantate „Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir“ BWV 131 handelt es sich um eine der frühesten erhaltenen Kantaten Bachs. Sie entstand 1707 in Mühlhausen, wo der junge Bach als Organist an der Divi-Blasii-Kirche wirkte. Aus einem handschriftlichen Vermerk Bachs auf der Partitur geht hervor, dass das Werk von Georg Christian Eilmar in Auftrag gegeben wurde, der zu dieser Zeit Pastor der Marienkirche Beatae Mariae Virginis in Mühlhausen war.

Dem Kantatentext mit Psalm 130 als Grundlage sind die Strophen 2 und 5 des Liedes „Herr Jesu Christ, du höchstes Gut“ von Bartholomäus Ringwaldt hinzugefügt. Die Zusammenstellung der Texte stammt dabei entweder von Bach selbst oder seinem Auftraggeber Eilmar. Der Anlass, für den das Werk komponiert wurde, ist unbekannt – als wahrscheinlich gilt, dass die Kantate für einen Bußgottesdienst nach dem Mühlhäuser Stadtbrand am 29. Mai 1707 entstand. Nachdem der zugrunde gelegte Psalm 130 den Eingangspsalm für den 11. Sonntag nach Trinitatis darstellt, liegt die Vermutung nahe, die Kantate könnte an diesem Sonntag (4. September 1707) aufgeführt worden sein; dokumentarische Belege für die Richtigkeit dieser Annahme liegen jedoch nicht vor.

Das leidenschaftliche Jugendwerk des 22-jährigen Bachs wurde 1881 erstmals von Bachforscher Friedrich Wilhelm Rust veröffentlicht. Als Druckvorlage fungierte damals die autographe, mit besonderer Sorgfalt geschriebene Originalpartitur, die heute auf eine abenteuerliche und aufregende Geschichte zurückblicken kann, denn sie galt nach dem Zweiten Weltkrieg als verschollen und tauchte später wieder in New York auf.

Die Kantate „Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu Dir“ setzt sich aus fünf fließend ineinander übergehenden Sätzen zusammen. Das Werk folgt dabei einer symmetrischen Form: Drei große Chorsätze werden durch intensive Dialogabschnitte, in denen Psalm und Choral miteinander verknüpft werden, unterbrochen. Bach war dabei bestrebt, die Einzelsätze möglichst charakteristisch zu vertonen; dennoch verstand er das Werk als eine große Einheit. Die ausdrucksstarke Komposition bedient sich dabei der musikalischen Rhetorik und nutzt diese, um die Thematik des Flehens und Klagens expressiv in der Musik zu verdichten.

Sehen Sie hier die Kantate mit den Solisten Lothar Odinius (Tenor), Klaus Mertens (Bass) und sowie dem Amsterdam Baroque Choir and Orchestra unter der Leitung von Ton Koopman:
Wer noch mehr über diese Kantate erfahren möchte, dem sei das folgende Gesprächskonzert mit Helmuth Rilling und zahlreichen Musikbeispielen aus der Bachkirche in Arnstadt vom 16. August 2015 im Rahmen der Weimarer Bachkantaten-Akademie empfohlen:
Ihnen allen einen schönen Sonntag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler