Ev. – luth. Propstei Königslutter

Musik in schwierigen Zeiten-Folge 15

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Kirchenmusik,
eine Nachricht dieser Woche zeigt, dass auch das beinahe Undenkbare zur Realität werden kann: Das diesjährige Münchner Oktoberfest wurde am Dienstag abgesagt. Was hat das nun mit „Musik in schwierigen Zeiten“ zu tun, denn Sie werden als Musikempfehlung an dieser Stelle mit Sicherheit keine Blaskapelle von mir erwarten? Nun, diese Reihe lebt u. a. auch von musikalischen Überraschungen – und eine solche Repertoire-Rarität erwartet Sie heute. Aus einem der wohl ungewöhnlichsten Werke der Celloliteratur empfehle ich Ihnen heute gerne den Schlusssatz „Finale alla marcia“ aus Friedrich Guldas Konzert für Violoncello und Blasorchester.

Sie sehen und hören das New Japan Philharmonic unter der Leitung von Christian Arming, Solist ist der französische Cellist Gautier Capucon, dem ich schon viele schöne Konzertstunden zu verdanken habe, u. a. auch in Braunschweig:
Wenn Sie das Werk in voller Länge genießen möchten, folgen gerne hierzu vorab noch ein paar Angaben:

Der österreichische Pianist Friedrich Gulda (1930 – 2000) kam schon früh zu Weltruhm und war wirklich ein „Enfant terrible“ in der Klassik-Szene. Er wurde gefeiert für seine Bach-, Mozart- und Beethoven-Interpretationen, von vielen Veranstaltern aber auch gefürchtet, weil er so gut wie alles im Musikbetrieb in Frage stellte – vom schwarzen Dirigenten-Frack und der weihevollen Atmosphäre der Konzerthäuser bis zum immer gleichen Repertoire des klassischen Werkkanons.

Er selbst nahm sich auch große Jazzmusiker zum Vorbild und war wohl der einzige Pianist, der mit Dirigenten wie Claudio Abbado und Nikolaus Harnoncourt zusammenarbeitete und mit Jazz-Größen wie Herbie Hancock, Chick Corea und Joe Zawinul auftrat. In seinen eigenen Kompositionen finden sich bunte Mischungen unterschiedlicher Stile – so auch im Konzert für Violoncello und Blasorchester, das Gulda für den Meistercellisten Heinrich Schiff schrieb und 1981 mit ihm uraufführte.
Im ersten Satz, der „Ouvertüre“, wechseln sich aggressive Jazzrock-Passagen mit lyrischen Zwischenspielen ab. Die folgende „Idylle“ versetzt den Hörer ins oberösterreichische Salzkammergut, die Heimat Heinrich Schiffs und eine Landschaft, zu deren Musik Gulda nach eigenem Bekunden eine innige Beziehung hatte. Im Zentrum des fünfsätzigen Konzerts steht eine „Kadenz“ des Solisten; zögernde, nachdenkliche Monologe wechseln sich hier mit wilden Improvisationsteilen ab. Ein fantastisch-unwirkliches Menuett mit manchen spanischen und orientalischen Zügen steht an vierter Stelle der Satzfolge. Und den Abschluss bildet eine abenteuerliche Verbindung aus schmissiger alpenländischer Marschmusik, Operettenmelodik und Reminiszenzen an den rockigen Beginn des Konzerts. Dieser Schlusssatz, Finale alla marcia, hat nach Guldas eigenen Worten „seine Wirkung noch nie verfehlt“.
Der auf den ersten Blick schwer vorstellbaren, aber den Zuhörer unwillkürlich in ihren Bann ziehenden Verbindung eingängiger Melodien aus der österreichisch-alpenländischen Volksmusik mit Elementen aus Jazz und Rock dürfte es zu danken sein, dass Guldas Cellokonzert zu einem der meistgespielten Orchesterwerke Österreichs nach 1945 geworden ist.
Wenn Sie Gautier Capucon mit dem vollständigen Stück erleben möchten, klicken Sie bitte auf den folgenden Link:
Und wenn Sie den Komponisten und den Uraufführungs-Cellisten gemeinsam erleben möchten: Am 16. Juli 1988 spielte Heinrich Schiff das Konzert unter Guldas Leitung mit den Münchner Philharmonikern in der Philharmonie am Gasteig, diese Aufführung können Sie hier sehen:
Ihnen und Euch allen viel Spaß beim Zuhören, den Sie sicherlich haben werden – bleiben Sie fröhlich und gesund.
Matthias Wengler

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